Bauunternehmen reichen Beschwerde gegen Zuschlagsentscheid nach individueller Zustellung erst zehn Tage nach SIMAP-Publikation ein: Frist beginnt mit Zustellung, nicht mit Publikation (Art. 15 Abs. 2 IVöB 2001)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 150 I 183 · ATF 150 I 183 · DTF 150 I 183
- Datum
- 05.06.2024
- Geschäftsnummer
- 2C_512/2023
- Abteilung
- II. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 42 BGG Art. 83 BGG Art. 95 BGG Art. 105 BGG Art. 13 IVöB Art. 15 IVöB Art. 51 IVöB Art. 56 IVöB Art. 38 SubmV/ZH
Zusammenfassung
Eine Arbeitsgemeinschaft aus zwei Bauunternehmen (ARGE A.________) reichte beim Verwaltungsgericht des Kantons Zürich Beschwerde gegen einen Zuschlagsentscheid für Strassenbauarbeiten ein. Die Vergabebehörde hatte den Zuschlag am 19. April 2023 an eine andere Arbeitsgemeinschaft erteilt und am 26. April 2023 schriftlich mitgeteilt; die ARGE A.________ erhielt dieses Schreiben am 28. April 2023. Am 2. Mai 2023 erfolgte die Publikation des Zuschlags auf der Plattform SIMAP. Die ARGE A.________ reichte ihre Beschwerde am 12. Mai 2023 ein. Das Verwaltungsgericht trat nicht ein, weil die zehntägige Beschwerdefrist bereits am 8. Mai 2023 abgelaufen sei. Dagegen erhob die ARGE A.________ Beschwerde ans Bundesgericht. Streitpunkt war, ob die Beschwerdefrist mit der individuellen Zustellung am 28. April 2023 oder erst mit der SIMAP-Publikation am 2. Mai 2023 zu laufen begann.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab und bestätigte das Nichteintreten des Verwaltungsgerichts. Es stellte fest, dass die Verfügung vom 26. April 2023, bestehend aus einem adressierten und unterzeichneten Brief sowie einer als 'Submissionsergebnis / Verfügung' betitelten Beilage mit Rechtsmittelbelehrung, wirksam und fristauslösend war. Die Zustellung erfolgte am 28. April 2023, was unbestritten ist. Gemäss Art. 15 Abs. 2 IVöB 2001 beginnt die zehntägige Beschwerdefrist mit der Eröffnung der Verfügung, und gemäss § 38 Abs. 1 SubmV/ZH erfolgt diese Eröffnung durch individuelle Zustellung. Die Rechtsmittelbelehrung im Schreiben vom 26. April 2023 wies ausdrücklich auf die Fristberechnung 'von der Zustellung an die Anbietenden' hin, was unmissverständlich ist. Die zusätzliche SIMAP-Publikation vom 2. Mai 2023 hatte daher keinen Einfluss auf den Fristenlauf. Die Beschwerde vom 12. Mai 2023 war somit fristversäumt. Die Berufung auf Vertrauensschutz nach Art. 9 BV scheiterte, weil die Beschwerdeführerinnen als erfahrene Bauunternehmerinnen wissen mussten, dass mündliche Aussagen eines Projektleiters zu juristischen Fristfragen kein berechtigtes Vertrauen begründen können. Auch die Rüge einer Rechtsverweigerung war unbegründet, da die Beschwerde nicht fristgerecht eingereicht worden war. Die Gerichtskosten von Fr. 12'500.-- wurden den Beschwerdeführerinnen zu gleichen Teilen und unter solidarischer Haftung auferlegt. Das Urteil klärt erstmals umfassend, dass bei individueller Zustellung einer Vergabeverfügung die Beschwerdefrist ausschliesslich mit dieser Zustellung beginnt – auch wenn später eine öffentliche Publikation erfolgt – und stellt damit eine wegweisende Präzisierung des Fristenlaufs im öffentlichen Beschaffungsrecht dar.
Regeste
Art. 29 Abs. 1 BV; Art. 13 lit. h sowie Art. 15 Abs. 1 bis und 2 IVöB 2001; Art. 51 Abs. 1 und 2 sowie Art. 56 Abs. 1 IVöB 2019; Verfügungsbegriff; Lauf der Beschwerdefrist; Verhältnis zwischen der individuellen Zustellung und der nachträglichen SIMAP-Publikation der Zuschlagsverfügung. Rügen der Beschwerdeführerinnen (E. 3.1). Erwägungen der Vorinstanz (E. 3.2). Streitgegenstand (E. 3.3). Massgeblichkeit des materiellen Verfügungsbegriffs (E. 3.4). Die Beschwerdefrist beginnt grundsätzlich mit der individuellen Zustellung der Zuschlagsverfügung zu laufen, zumal vorliegend auch die Rechtsmittelbelehrung entsprechend formuliert ist. Die nachträgliche Publikation der Zuschlagsverfügung auf der elektronischen Plattform SIMAP zeitigt im Grundsatz keinen Einfluss auf den Lauf der Beschwerdefrist, auch wenn die individuell zugestellte Verfügung allenfalls ungenügend (summarisch) begründet ist (E. 3.5). Regeste Art. 29 al. 1 Cst.; art. 13 let. h et art. 15 al. 1 bis et 2 AIMP 2001; art. 51 al. 1 et 2 et art. 56 al. 1 AIMP 2019; notion de décision; point de départ du délai de recours; relation entre la notification individuelle et la publication SIMAP ultérieure de la décision d'adjudication. Griefs des recourantes (consid. 3.1). Position de l'autorité précédente (consid. 3.2). Objet du litige (consid. 3.3). Caractère déterminant de la notion de décision matérielle (consid. 3.4). Le délai de recours commence à courir en principe avec la notification individuelle de la décision d'adjudication, d'autant plus qu'en l'espèce la voie de droit est formulée de cette manière dans la décision. La publication ultérieure de la décision d'adjudication sur la plateforme électronique SIMAP n'a en principe pas d'incidence sur le délai de recours, même si la décision individuelle qui a été notifiée est motivée de manière insuffisante (sommaire) (consid. 3.5). Regesto Art. 29 cpv. 1 Cost.; art. 13 lett. h e art. 15 cpv. 1 bis e 2 CIAP 2001; art. 51 cpv. 1 e 2 e art. 56 cpv. 1 CIAP 2019; nozione di decisione; decorso del termine per ricorrere; relazione tra la notifica individuale della decisione di aggiudicazione e la sua successiva pubblicazione su SIMAP. Censure delle ricorrenti (consid. 3.1). Ragionamenti dell'istanza precedente (consid. 3.2). Oggetto della vertenza (consid. 3.3). Carattere determinante della nozione di decisione di merito (consid. 3.4). Il termine di ricorso comincia a decorrere, in principio, con la notifica individuale della decisione di aggiudicazione, tanto più che nel caso di specie l'indicazione dei rimedi di diritto è formulata in tal modo nella decisione. La successiva pubblicazione della decisione d'aggiudicazione sulla piattaforma elettronica SIMAP non ha, in principio, alcuna incidenza sul decorso del termine per ricorrere, anche se la decisione individuale che è stata notificata è motivata in maniera insufficiente (sommaria) (consid. 3.5).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.