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Justizze. Art. 1 ArG

Bundesgericht

24-Stunden-Seniorenbetreuung durch Betreuungsorganisation: Anwendbarkeit des Arbeitsgesetzes bei Dreiparteienverhältnis (Art. 2 Abs. 1 lit. g ArG)

BGE / ATF / DTF
BGE 148 II 203 · ATF 148 II 203 · DTF 148 II 203
Datum
01.01.2021
Geschäftsnummer
BGE 148 II 203
Abteilung
CH_BGE_004
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 1 ArG Art. 2 ArG

Zusammenfassung

Der Schweizerische Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD) reichte Beschwerde gegen eine Verfügung des Departements für Wirtschaft, Soziales und Umwelt des Kantons Basel-Stadt ein, mit der festgestellt worden war, dass das Arbeitsgesetz auf Arbeitnehmende einer Betreuungsorganisation, die zu 24-Stunden-Betreuung in Privathaushalten beschäftigt werden, keine Anwendung finde. Streitig war, ob die Ausnahmebestimmung des Arbeitsgesetzes für private Haushaltungen auch auf Dreiparteienverhältnisse – hier: zwischen Betreuungsorganisation, Arbeitnehmerin und zu betreuender Person – anzuwenden sei. Der VPOD vertrat die Ansicht, dass das Arbeitsgesetz anwendbar sei, weil die Ausnahme nur bei direkter Anstellung durch den privaten Haushalt greife.

Das Bundesgericht hob das Urteil des Appellationsgerichts Basel-Stadt auf und hiess die Beschwerde des VPOD gut. Es stellte fest, dass das vorliegende 24-Stunden-Betreuungsmodell ein Dreiparteienverhältnis zwischen der Betreuungsorganisation (A. AG), einer Arbeitnehmerin und der zu betreuenden Person darstellt. Da Art. 2 Abs. 1 lit. g ArG nur auf Zweiparteienverhältnisse zugeschnitten ist – also Fälle, in denen die Arbeitskraft direkt vom privaten Haushalt angestellt wird –, greift die Ausnahmebestimmung hier nicht. Das Bundesgericht begründete dies teleologisch damit, dass der historische Gesetzgeber die Ausnahme vor allem mit dem Schutz der Privatsphäre im intimen Zweiparteienverhältnis sowie mit Durchsetzungsschwierigkeiten in privaten Haushalten begründet hatte; bei Dreiparteienverhältnissen hingegen sei die Kontrolle der Einhaltung der arbeitsgesetzlichen Vorschriften bei der Betreuungsorganisation möglich, ohne in die Privatsphäre des Haushaltsinhabers einzudringen. Zudem diene die geleistete Arbeit nicht ausschliesslich privaten Bedürfnissen, sondern auch dem kommerziellen Zweck der Betreuungsorganisation. Damit untersteht die A. AG als Betrieb i.S.v. Art. 1 Abs. 2 ArG dem Arbeitsgesetz, und die arbeitsgesetzlichen Höchstarbeits- und Ruhezeitvorschriften sind anwendbar. Die Entscheidung klärt die systematische Abgrenzung zwischen privatem Haushalt und gewerblichem Betrieb im Kontext der 24-Stunden-Betreuung und stärkt den Arbeitnehmerschutz bei Leiharbeit in der Pflege.

Regeste

Art. 1 Abs. 2 und Art. 2 Abs. 1 lit. g ArG; Art. 12 AVG; Art. 26 AVV; 24-Stunden-Seniorenbetreuung; Anwendbarkeit von Art. 2 Abs. 1 lit. g ArG auf Dreiparteienverhältnisse. Abgrenzung zwischen Personalverleih und anderen Vertragsverhältnissen (E. 3.3). Betrieblicher Geltungsbereich des Arbeitsgesetzes; Ausnahme für private Haushaltungen. Besteht zwischen der Betreuungsorganisation und der zu betreuenden Person ein Vertragsverhältnis, untersteht das Unternehmen, welches mit seinen Angestellten einem privaten Haushalt Betreuungs- und Pflegedienstleistungen erbringt, grundsätzlich dem Arbeitsgesetz und stellt es den Betrieb i.S.v. Art. 1 Abs. 2 ArG dar (E. 3.4). Aus der Auslegung von Art. 2 Abs. 1 lit. g ArG folgt, dass diese Bestimmung nur auf Zweiparteienverhältnisse anwendbar ist, d.h. auf Fälle, in welchen die jeweilige Arbeitskraft direkt vom privaten Haushalt angestellt wird, nicht aber auf Dreiparteienverhältnisse (E. 4). Regeste Art. 1 al. 2 et art. 2 al. 1 let. g LTr; art. 12 LSE; art. 26 OSE; garde de personnes âgées 24 heures sur 24; applicabilité de l'art. 2 al. 1 let. g LTr aux rapports tripartites. Délimitation entre la location de services et d'autres rapports contractuels (consid. 3.3). Champ d'application de la loi sur le travail quant aux entreprises; exception pour les ménages privés. S'il existe une relation contractuelle entre la structure de prise en charge et la personne à prendre en charge, la société qui fournit des prestations de prise en charge et de soins à un ménage privé par le biais de ses employés est en principe soumise à la loi sur le travail et elle constitue une entreprise au sens de l'art. 1 al. 2 LTr (consid. 3.4). Il résulte de l'interprétation de l'art. 2 al. 1 let. g LTr que cette disposition s'applique uniquement aux rapports bipartites, c'est-à-dire aux cas dans lesquels le travailleur concerné est directement engagé par le ménage privé, et pas aux rapports tripartites (consid. 4). Regesto Art. 1 cpv. 2 e art. 2 cpv. 1 lett. g LL; art. 12 LC; art. 26 OC; assistenza di persone anziane 24 ore su 24; applicabilità dell'art. 2 cpv. 1 lett. g LL a rapporti tra tre parti. Delimitazione tra personale a prestito e altri rapporti contrattuali (consid. 3.3). Campo di applicazione aziendale dela legge sul lavoro; eccezione per economie domestiche private. Se esiste una relazione contratuale tra l'organizzazione di assistenza e la persona da assistere, la società che fornisce prestazioni di assistenza e cura a un'economia domestica privata attraverso i propri impiegati sottostà di principio alla legge sul lavoro e costituisce un'azienda ai sensi dell'art. 1 cpv. 2 LL (consid. 3.4). Dall'interpretazione dell'art. 2 cpv. 1 lett. g LL risulta che questa disposizione si applica solo a rapporti tra due parti, cioè a casi in cui una determinata forza lavoro è assunta direttamente dall'economia domestica privata, non a rapporti tra tre parti (consid. 4).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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