Drittstaatsangehöriger erhält Landesverweisung: Ausschreibung im Schengener Informationssystem (SIS) durch Berufungsgericht ohne rechtliches Gehör verletzt (Art. 29 Abs. 2 BV)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 146 IV 172 · ATF 146 IV 172 · DTF 146 IV 172
- Datum
- 08.04.2020
- Geschäftsnummer
- BGE 146 IV 172
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 78 BGG Art. 79 BGG Art. 83 BGG Art. 2 BPI Art. 16 BPI Art. 19 BPI Art. 29 BV Art. 66a StGB Art. 391 StPO
Zusammenfassung
Ein Drittstaatsangehöriger wurde wegen mehrfachen gewerbsmässigen Diebstahls, Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch zu einer Freiheitsstrafe von 4½ Jahren sowie zu einer Landesverweisung für zehn Jahre verurteilt. Das Berufungsgericht bestätigte die Landesverweisung und ordnete zusätzlich die Ausschreibung im Schengener Informationssystem (SIS) an, obwohl die erste Instanz diese Frage nicht behandelt hatte. Der Beschwerdeführer rügte, die Ausschreibung im SIS verstosse gegen das Verschlechterungsverbot und verletze seinen Anspruch auf rechtliches Gehör.
Das Bundesgericht hielt fest, dass die Ausschreibung der Landesverweisung im SIS zwar keine strafrechtliche Sanktion, sondern eine vollzugs- bzw. polizeirechtliche Massnahme darstellt und daher grundsätzlich nicht dem Verschlechterungsverbot unterliegt – insbesondere dann nicht, wenn die erste Instanz die Frage unbehandelt liess. Gleichwohl stellte das Gericht fest, dass die Vorinstanz den Beschwerdeführer nicht ausdrücklich darauf hingewiesen hatte, dass sie über die Ausschreibung im SIS entscheiden werde. Damit verletzte sie seinen verfassungsmässigen Anspruch auf rechtliches Gehör gemäss Art. 29 Abs. 2 BV. Die Ausschreibung im SIS war daher infolge dieser Verletzung gutzuheissen und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen. Die Entscheidung beruht auf der Rechtsprechung zum rechtlichen Gehör im Strafrecht (Art. 29 Abs. 2 BV), den Vorschriften zur Ausschreibung im SIS (Art. 21, 24 ff. SIS-II-Verordnung; Art. 20 ff. N-SIS-Verordnung) sowie der strafprozessualen Regelung zum Verschlechterungsverbot (Art. 391 Abs. 2 StPO). Die Vorinstanz hatte die Ausschreibung im SIS nicht thematisiert, obwohl sie bei Drittstaatsangehörigen zwingend zu prüfen ist, sobald eine Landesverweisung ausgesprochen wird (Art. 66a StGB). Die Beschwerde war daher teilweise erfolgreich, weil die Verletzung des rechtlichen Gehörs die Ausschreibung entwertete. Dieses Urteil klärt die prozessuale Behandlung der SIS-Ausschreibung im Berufungsverfahren und stärkt den Anspruch auf rechtliches Gehör auch bei rein vollzugswirksamen Folgen einer strafrechtlichen Entscheidung.
Regeste
Art. 78 ff. BGG; Art. 21 und 24 der Verordnung (EG) Nr. 1987/2006 (SIS-II-Verordnung); Art. 20 f. N-SIS-Verordnung; Art. 391 Abs. 2 StPO; Ausschreibung der Landesverweisung im SIS: Voraussetzungen, Zuständigkeit, Verfahren, Verschlechterungsverbot, rechtliches Gehör. Gegen die Ausschreibung der Landesverweisung im SIS ist die Beschwerde in Strafsachen an das Bundesgericht gegeben (E. 1.3). Voraussetzungen und Zuständigkeit für die Ausschreibung der Landesverweisung im SIS (E. 3.2.1-3.2.4). Die Ausschreibung der Landesverweisung im SIS unterliegt - wie auch die Landesverweisung selber - nicht dem Anklageprinzip. Spricht das Gericht eine Landesverweisung aus, muss es bei Drittstaatsangehörigen unabhängig von einem entsprechenden Antrag der Staatsanwaltschaft zwingend auch darüber befinden, ob die Landesverweisung im SIS auszuschreiben ist. Es hat die Frage der Ausschreibung der Landesverweisung im SIS materiell zu beurteilen und im Dispositiv des Strafurteils zwingend zu erwähnen, ob die Ausschreibung vorzunehmen ist oder ob darauf verzichtet wird (E. 3.2.5). Die Ausschreibung der Landesverweisung im SIS ist vollzugs- bzw. polizeirechtlicher Natur. Im Berufungsverfahren gelangt das Verschlechterungsverbot (Verbot der "reformatio in peius") auf die Ausschreibung der Landesverweisung zumindest dann nicht zur Anwendung, wenn die Frage im erstinstanzlichen Verfahren unbehandelt blieb (E. 3.3). Anspruch auf rechtliches Gehör vor dem Entscheid über die Ausschreibung der Landesverweisung im SIS (E. 3.4). Regeste Art. 78 ss LTF; art. 21 et 24 du Règlement (CE) n° 1987/2006 (Règlement-SIS-II); art. 20 s. Ordonnance N-SIS; art. 391 al. 2 CPP; signalement de l'expulsion dans le SIS: conditions, compétence, procédure, interdiction de la reformatio in pejus, droit d'être entendu. Le recours en matière pénale au Tribunal fédéral est ouvert contre le signalement de l'expulsion dans le SIS (consid. 1.3). Conditions et compétence pour le signalement de l'expulsion dans le SIS (consid. 3.2.1-3.2.4). Le signalement de l'expulsion dans le SIS - comme l'expulsion elle-même - n'est pas soumis au principe d'accusation. Si le tribunal prononce une expulsion, il doit, s'agissant de ressortissants d'Etats tiers, obligatoirement aussi décider si l'expulsion doit être signalée dans le SIS, indépendamment d'une requête en ce sens du ministère public. Il doit examiner au fond la question du signalement de l'expulsion et obligatoirement mentionner dans le dispositif du jugement pénal si le signalement doit être effectué ou s'il y est renoncé (consid. 3.2.5). Le signalement de l'expulsion dans le SIS relève du droit d'exécution, respectivement du droit de police. Dans la procédure d'appel, l'interdiction de la reformatio in pejus n'est pas applicable au signalement de l'expulsion, du moins lorsque la question n'a pas été traitée dans la procédure de première instance (consid. 3.3). Droit d'être entendu avant la décision sur le signalement de l'expulsion dans le SIS (consid. 3.4). Regesto Art. 78 segg. LTF; art. 21 e 24 del regolamento (CE) n. 1987/2006 (regolamento SIS II); art. 20 seg. dell'ordinanza N-SIS; art. 391 cpv. 2 CPP; segnalazione dell'espulsione nel SIS: condizioni, competenza, procedura, divieto della reformatio in peius, diritto di essere sentito. La segnalazione dell'espulsione nel SIS può essere impugnata con ricorso in materia penale al Tribunale federale (consid. 1.3). Condizioni e competenza per la segnalazione dell'espulsione nel SIS (consid. 3.2.1-3.2.4). La segnalazione dell'espulsione nel SIS - come la stessa espulsione - non soggiace al principio accusatorio. Se il giudice pronuncia l'espulsione di un cittadino di uno Stato terzo, deve imperativamente decidere anche se segnalare l'espulsione nel SIS, indipendentemente da una richiesta del pubblico ministero in tal senso. Deve esaminare nel merito la questione della segnalazione dell'espulsione nel SIS e menzionare obbligatoriamente nel dispositivo della sentenza penale se la segnalazione dev'essere effettuata o meno (consid. 3.2.5). La segnalazione dell'espulsione nel SIS ha carattere esecutivo rispettivamente di diritto di polizia. In sede di appello il divieto della reformatio in peius non si applica alla segnalazione dell'espulsione, perlomeno nel caso in cui la questione non sia stata affrontata nel procedimento di primo grado (consid. 3.3). Diritto di essere sentito prima della decisione sulla segnalazione dell'espulsione nel SIS (consid. 3.4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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