Justizze.

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Justizze. Art. 11 BüG

Bundesgericht

Ehemaliger italienischer Staatsangehöriger mit 30-jährigem Schweizerwohnsitz und 26-jährigem Wohnsitz in Arth wird wegen ungenügender geografischer Kenntnisse abgelehnt: Willkürliche Einbürgerungsverweigerung aufgehoben (Art. 14 aBüG)

BGE / ATF / DTF
BGE 146 I 49 · ATF 146 I 49 · DTF 146 I 49
Datum
18.12.2019
Geschäftsnummer
1D_1/2019
Abteilung
I. Öffentlich-rechtliche Abteilung
Ausgang
Rückweisung

Tragende Normen

Art. 107 BGG Art. 8 BV Art. 11 BüG Art. 14 LN Art. 14 aBüG Art. 15 aBüG Art. 4 kBüG/SZ

Zusammenfassung

Ein italienischer Staatsangehöriger, der seit 1989 in der Schweiz lebt und seit 1993 in der Gemeinde Arth wohnt, reichte gemeinsam mit seiner Ehefrau und ihrem Sohn ein Gesuch um ordentliche Einbürgerung ein. Während die Ehefrau und der Sohn erfolgreich eingebürgert wurden, lehnte die Einbürgerungsbehörde Arth das Gesuch des Ehemanns ab, weil er bei Fragen zu lokalen Gegebenheiten, Sitten und Gebräuchen im Einbürgerungsgespräch nur teilweise oder gar nicht antworten konnte. Das Verwaltungsgericht des Kantons Schwyz bestätigte diese Ablehnung. Der Beschwerdeführer rügte vor dem Bundesgericht eine willkürliche Entscheidung und Unregelmässigkeiten bei Tonaufnahme und Protokollierung des Einbürgerungsgesprächs.

Das Bundesgericht hob den Entscheid des Verwaltungsgerichts auf und wies die Sache an die Einbürgerungsbehörde Arth zurück mit der Anweisung, dem Beschwerdeführer das Gemeindebürgerrecht zu erteilen.

Der Beschwerdeführer lebt seit 30 Jahren in der Schweiz und seit 26 Jahren in Arth, verfügt über eine Niederlassungsbewilligung, führt seit 2001 ein eigenes Gipsergeschäft, hat einen makellosen Strafregisterauszug, ausreichende Deutschkenntnisse und bestand den Test über gesellschaftliche und politische Kenntnisse. Seine wirtschaftliche Eingliederung ist durch seine langjährige selbständige Erwerbstätigkeit als Handwerker gegeben. Bei den geografischen und kulturellen Fragen im Einbürgerungsgespräch zeigte er zwar keine Spezialkenntnisse, aber Grundkenntnisse – etwa zum Tierpark Goldau, zur Rigi, zum Bergsturz von 1806 oder zur Tradition der Iffelen –, was bei einem durchschnittlichen Schweizer Einwohner nicht anders zu erwarten wäre. Die Vorinstanz hatte ein einzelnes Kriterium – die geografischen und kulturellen Kenntnisse – übermäßig gewichtet und dabei die Gesamtwürdigung aller Voraussetzungen vernachlässigt, was nach Art. 14 aBüG und Art. 15 aBüG sowie nach Art. 8 Abs. 1 BV eine willkürliche Entscheidung darstellt. Auch die Nervosität des Beschwerdeführers im Gespräch war nicht ausreichend berücksichtigt worden. Die Einbürgerungsbehörde durfte die Einbürgerung nicht verweigern, da alle gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sind und kein zwingendes Ausschlusskriterium vorliegt.

Die Entscheidung stützt sich auf Art. 14 aBüG (Eignung zur Einbürgerung), Art. 15 aBüG (Wohnsitzerfordernisse), Art. 11 BüG (Integration), Art. 4 kBüG/SZ und Art. 4 Abs. 3 kBüG/SZ (kantonale Eignungsanforderungen), Art. 14 N. 6 LN (Rechtsprechung zur Integration) sowie Art. 8 Abs. 1 BV (Rechtsgleichheit). Das Bundesgericht verwies die Sache gemäss Art. 107 BGG an die Einbürgerungsbehörde zurück.

Das Bundesgericht erhebt keine Kosten (Art. 66 Abs. 1 BGG) und verurteilt die Gemeinde Arth zur Entschädigung des Beschwerdeführers mit 2'000 Franken (Art. 68 BGG).

Die Entscheidung präzisiert die Anforderungen an die Integration im Einbürgerungsverfahren: Es handelt sich nicht um ein Fachexamen, sondern um eine Lebenssachverhaltsbeurteilung; Spezialkenntnisse dürfen nicht verlangt werden; eine Gesamtwürdigung aller Kriterien ist zwingend; ein einzelnes Manko darf nicht überbewertet werden.

Regeste

Art. 8 Abs. 1, Art. 9 und 38 Abs. 2 BV, Art. 14 und 15 BüG (1952); Einbürgerungsvoraussetzungen des Bundes- und kantonalen Rechts bei der ordentlichen Einbürgerung. Bundesstaatliche Kompetenzaufteilung bei der ordentlichen Einbürgerung. Auch ohne Anspruch auf Einbürgerung wäre es willkürlich und rechtsungleich, einen Bewerber, der alle Einbürgerungsvoraussetzungen erfüllt, nicht einzubürgern (E. 2). Anforderungen an die Protokollierung sowie an Tonaufnahmen im Einbürgerungsverfahren (E. 3). Erfordernis der Eingliederung in die hiesigen Verhältnisse und des Vertrautseins mit den schweizerischen und lokalen Lebensumständen. Die Einbürgerungsvoraussetzungen und insbesondere die Integrationsanforderungen müssen insgesamt verhältnismässig und diskriminierungsfrei sein und dürfen nicht überzogen erscheinen. Erforderlich ist eine Gesamtwürdigung aller massgeblichen Kriterien im Einzelfall. Die Beurteilung muss ausgewogen bleiben und darf nicht auf einem klaren Missverhältnis der Würdigung aller wesentlichen Kriterien beruhen (E. 4). Regeste Art. 8 al. 1, art. 9 et 38 al. 2 Cst., art. 14 et 15 LN (1952); conditions posées par le droit fédéral et cantonal pour l'octroi de la naturalisation ordinaire. Répartition des compétences selon le droit fédéral en matière de naturalisation ordinaire. Même s'il n'existe pas de droit à la naturalisation, il serait arbitraire et contraire au principe d'égalité de refuser la naturalisation à un requérant qui en remplit toutes les conditions (consid. 2). Exigences en matière de prise de procès-verbal et d'enregistrement dans la procédure de naturalisation (consid. 3). Exigence d'intégration locale et de familiarisation avec les conditions de vie suisses et locales. Les conditions de naturalisation, en particulier relatives à l'intégration, doivent être dans l'ensemble proportionnées et non discriminantes; elles ne doivent pas apparaître exagérées. Il faut une appréciation d'ensemble de tous les critères pertinents dans le cas particulier. L'évaluation doit demeurer équilibrée et ne doit pas reposer sur une disproportion évidente dans l'appréciation de tous les critères déterminants (consid. 4). Regesto Art. 8 cpv. 1, art. 9 e 38 cpv. 2 Cost., art. 14 e 15 LCit (1952); condizioni richieste dal diritto federale e cantonale per la concessione della naturalizzazione ordinaria. Ripartizione delle competenze secondo il diritto federale in materia di naturalizzazione ordinaria. Anche se non sussiste un diritto alla naturalizzazione, sarebbe arbitrario e contrario al principio di uguaglianza, non naturalizzare un richiedente che ne adempie tutte le condizioni (consid. 2). Esigenze alla verbalizzazione e alla registrazione nella procedura di naturalizzazione (consid. 3). Esigenza d'integrazione nella realtà locale e familiarità con le condizioni di vita svizzere e locali. Le condizioni di naturalizzazione, e in particolare le esigenze di integrazione, devono essere, complessivamente, proporzionali e non discriminatorie e non devono apparire eccessive. È necessario un apprezzamento complessivo di tutti i criteri pertinenti nel singolo caso. La valutazione deve rimanere equilibrata e non può fondarsi su un'evidente sproporzione tra l'apprezzamento di tutti i criteri determinanti (consid. 4).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.