Aktionäre einer landwirtschaftlichen Familien-AG mit festem Barlohn unterliegen der Beitragspflicht für Arbeitslosenversicherung und Familienzulagen (Art. 2 Abs. 1 AVIG, Art. 18 Abs. 1 FLG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 144 V 104 · ATF 144 V 104 · DTF 144 V 104
- Datum
- 23.05.2018
- Geschäftsnummer
- 8C_685/2017
- Abteilung
- I. sozialrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 1a AHVG Art. 5 AHVG Art. 2 AVIG Art. 95 BGG Art. 1a FLG Art. 5 FLG Art. 18 FLG Art. 1 FLV Art. 3 FLV Art. 8 FLV
Zusammenfassung
Eine landwirtschaftliche Aktiengesellschaft beantragte vor dem Bundesgericht die Aufhebung eines kantonalen Entscheids, der die Beitragspflicht ihrer beiden Aktionäre – zugleich Geschäftsführer und Ehepaar – für die Arbeitslosenversicherung und für Familienzulagen in der Landwirtschaft bejaht hatte. Die Beschwerdeführerin argumentierte, ihre Aktionäre seien als mitarbeitende Familienmitglieder von der Beitragspflicht ausgenommen, da die Gesellschaft als sogenannte Familien-AG geführt werde und die Aktionäre zugleich die Bewirtschafter seien. Die Ausgleichskasse und das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) sowie das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) äusserten sich zu den rechtlichen Fragen der Beitragspflicht.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab und bestätigte die Beitragspflicht der Aktionäre für die Arbeitslosenversicherung und für Familienzulagen in der Landwirtschaft.
Die Aktionäre B.________ und C.________ üben als Geschäftsführer und Mitwirkende in der landwirtschaftlichen Aktiengesellschaft eine unselbstständige Erwerbstätigkeit aus, weil sie in betriebswirtschaftlicher und arbeitsorganisatorischer Hinsicht von der Gesellschaft abhängig sind und kein eigenes Unternehmerrisiko tragen. Sie beziehen zudem einen gleichmässigen festen Barlohn, der als massgebender Lohn nach Art. 5 Abs. 2 AHVG beitragspflichtig ist. Damit sind sie nach Art. 2 Abs. 1 lit. a und b AVIG als Arbeitnehmende und die Gesellschaft als Arbeitgeberin beitragspflichtig, es sei denn, eine gesetzliche Ausnahme greift.
Die Beschwerdeführerin beruft sich auf die Ausnahme nach Art. 2 Abs. 2 lit. b AVIG i.V.m. Art. 1a Abs. 2 lit. a und b FLG für mitarbeitende Familienmitglieder. Diese Ausnahme setzt voraus, dass es sich um Verwandte des Betriebsleiters in auf- oder absteigender Linie oder um Schwiegersöhne bzw. Schwiegertöchter handelt, die voraussichtlich den Betrieb übernehmen werden. Da die Beschwerdeführerin eine juristische Person ist, kann sie selbst keine Familienmitglieder haben; zudem sind B.________ und C.________ weder Verwandte noch Schwiegersöhne/Schwiegerstöchter des Betriebsleiters. Die Ausnahmebestimmung zielt auf prädestinierte Erben ohne festen Barlohn ab, was bei den Aktionären mit festem Lohn nicht gegeben ist.
Die Erläuterungen des BSV zur FLG stellen lediglich Verwaltungsweisungen dar, die für Sozialversicherungsgerichte nicht verbindlich sind. Auch die Rechtsprechung zum früheren Eidgenössischen Versicherungsgericht bestätigt, dass Aktionäre einer AG, die als Angestellte tätig sind, grundsätzlich als unselbstständig erwerbstätig gelten. Der Begriff der unselbstständigen Stellung im FLG entspricht dem AHV-Begriff; daher ist die AHV-rechtliche Qualifikation als Arbeitnehmer massgebend für die Beitragspflicht nach Art. 18 Abs. 1 FLG.
Die Gerichtskosten von Fr. 1'000.– trägt die unterliegende Beschwerdeführerin gemäss Art. 66 Abs. 1 BGG.
Die Entscheidung klärt, dass die Form einer „Familien-AG“ allein nicht ausreicht, um die Beitragspflicht für Sozialversicherungen zu umgehen, wenn die Aktionäre als unselbstständig Erwerbstätige mit festem Lohn qualifiziert werden.
Regeste
Art. 2 Abs. 1 lit. a und b, Art. 2 Abs. 2 lit. b AVIG; Art. 1a Abs. 1 lit. a und b sowie Art. 5 Abs. 1 und 2 AHVG; Art. 1a Abs. 1 und 2, Art. 18 Abs. 1 FLG; Beitragspflicht für mitarbeitende Aktionäre an die Arbeitslosenversicherung und für Familienzulagen in der Landwirtschaft. Die beiden mitarbeitenden Aktionäre einer AG (Ehemann Verwaltungsratspräsident, Ehefrau Mitglied des Verwaltungsrates) unterliegen als nach AHVG versicherte und für Einkommen aus unselbstständiger Tätigkeit beitragspflichtige Arbeitnehmende auch der Beitragspflicht für die Arbeitslosenversicherung gemäss Art. 2 Abs. 1 AVIG; sie fallen nicht unter die Ausnahmebestimmung für mitarbeitende Familienmitglieder gemäss Art. 2 Abs. 2 lit. b AVIG (E. 3). Auch bezüglich Familienzulagen in der Landwirtschaft sind sie entsprechend der AHV-rechtlichen Qualifikation als Arbeitnehmende zu betrachten, weshalb eine Beitragspflicht der Arbeitgeberin gestützt auf Art. 18 Abs. 1 FLG besteht (E. 4). Regeste Art. 2 al. 1 let. a et b, art. 2 al. 2 let. b LACI; art. 1a al. 1 let. a et b et art. 5 al. 1 et 2 LAVS; art. 1a al. 1 et 2, art. 18 al. 1 LFA; obligation de cotiser à l'assurance-chômage et au régime des allocations familiales dans l'agriculture pour les actionnaires employés dans la société. En tant que travailleurs assurés en vertu de la LAVS qui doivent payer des cotisations sur le revenu d'une activité salariée en vertu de cette loi, les deux actionnaires employés dans la société anonyme (le mari comme président du conseil d'administration et l'épouse comme membre du conseil d'administration) sont aussi soumis à l'obligation de cotiser à l'assurance-chômage en application de l'art. 2 al. 1 LACI; ils ne tombent pas sous le coup de l'exception pour les membres de la famille qui travaillent dans l'exploitation agricole au sens de l'art. 2 al. 2 let. b LACI (consid. 3). Par ailleurs, compte tenu de leur statut juridique sous l'angle de l'AVS, ils sont également à considérer comme travailleurs du point de vue du régime des allocations familiales dans l'agriculture, de sorte qu'il existe pour l'employeur une obligation de cotiser à ce régime fondée sur l'art. 18 al. 1 LFA (consid. 4). Regesto Art. 2 cpv. 1 lett. a e b, art. 2 cpv. 2 lett. b LADI; art. 1a cpv. 1 lett. a e b nonché art. 5 cpv. 1 e 2 LAVS; art. 1a cpv. 1 e 2, art. 18 cpv. 1 LAF; obbligo contributivo all'assicurazione contro la disoccupazione e per gli assegni familiari nell'agricoltura di azionisti impiegati nella società. Entrambi gli unici azionisti impiegati in una SA (marito presidente del consiglio d'amministrazione; moglie membro del consiglio d'amministrazione), che sono assicurati e sottostanno all'AVS come lavoratori con attività dipendente, sono tenuti a versare i contributi all'assicurazione contro la disoccupazione a norma dell'art. 2 cpv. 1 LADI; essi non ricadono nell'esonero per i membri della famiglia occupati nell'azienda di cui all'art. 2 cpv. 2 lett. b LADI (consid. 3). Anche per gli assegni familiari nell'agricoltura essi devono essere considerati in maniera corrispondente alla qualifica giuridica AVS come lavoratori dipendenti e pertanto ne consegue un obbligo contributivo della società datrice di lavoro secondo l'art. 18 cpv. 1 LAF (consid. 4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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