Kantonale Volksinitiative gegen Kulturbetrieb 'Reitschule' in Bern: Ungültigerklärung wegen Verletzung der Gemeindeautonomie und des Rechtsgleichheitsgebots (Art. 50 BV, Art. 8 BV, Art. 109 KV/BE)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 144 I 193 · ATF 144 I 193 · DTF 144 I 193
- Datum
- 01.01.2018
- Geschäftsnummer
- BGE 144 I 193
- Abteilung
- CH_BGE_001
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 5 BV Art. 8 BV Art. 50 BV Art. 10 Cost./BE Art. 59 Cost./BE Art. 10 Cst./BE Art. 59 Cst./BE Art. 10 KV/BE Art. 59 KV/BE Art. 109 KV/BE
Zusammenfassung
Ein Initiativkomitee reichte im Kanton Bern die Volksinitiative "Keine Steuergelder für die Berner Reithalle!" ein, die Kürzungen von Finanzausgleichsleistungen für die Stadt Bern vorsah, solange auf dem Grundstück Gbbl. 1226 in Bern eine kulturelle Nutzung stattfindet. Der Grosse Rat des Kantons Bern erklärte die Initiative für ungültig, weil sie gegen übergeordnetes Recht verstösst. Dagegen erhoben Hubert Klopfenstein sowie die Junge SVP des Kantons Bern mit weiteren Personen Beschwerde ans Bundesgericht und beantragten die Aufhebung des Beschlusses und die Gültigerklärung der Initiative. Streitig war, ob die Initiative mit der Bundesverfassung und der kantonalen Verfassung vereinbar ist, insbesondere hinsichtlich der Gemeindeautonomie, des Verhältnismässigkeitsprinzips und des Rechtsgleichheitsgebots.
Das Bundesgericht wies die Beschwerden ab und bestätigte die Ungültigerklärung der Volksinitiative durch den Grossen Rat des Kantons Bern.
Die Initiative war nach ihrem klaren Wortlaut ausschliesslich auf die Stadt Bern gerichtet, da der Anhang III des vorgeschlagenen Gesetzes lediglich die Reitschule in Bern als betroffene Einrichtung nannte; eine Auslegung, die andere Gemeinden einbeziehen würde, war vom Text her ausgeschlossen. Die vorgesehenen Kürzungen waren an die kulturelle Nutzung des Grundstücks geknüpft, nicht an konkrete Sicherheitsprobleme – die Initiative stellte vielmehr eine unwiderlegbare gesetzliche Vermutung auf, dass jede vergleichbare kulturelle Nutzung zu Gefahren führe. Kulturförderung ist nach Art. 48 KV/BE und dem Kulturförderungsgesetz (KKFG) ein Bereich, in dem den Gemeinden eine erhebliche Entscheidungsfreiheit zusteht; die Stadt Bern geniesst daher Autonomie bei der Förderung lokaler Kulturinstitutionen wie der Reitschule. Die Initiative schränkte diese Autonomie jedoch faktisch übermässig ein: Die vorgesehenen Kürzungen hätten jährlich über 54 Millionen Franken betragen, während die tatsächlichen Mehrkosten für Polizeieinsätze und finanzielle Unterstützung der Reitschule zusammen weniger als fünf Millionen Franken ausmachten – ein Missverhältnis, das das Verhältnismässigkeitsprinzip nach Art. 5 Abs. 2 BV verletzte. Zudem versties die Initiative gegen das Rechtsgleichheitsgebot nach Art. 8 BV und Art. 10 KV/BE, weil sie ausschliesslich die Stadt Bern traf, obwohl andere Gemeinden unter gleichen Voraussetzungen nicht betroffen gewesen wären. Die Initiative versties somit gegen Art. 109 Abs. 1 KV/BE i.V.m. Art. 50 Abs. 1 BV, Art. 8 BV, Art. 10 KV/BE und Art. 5 Abs. 2 BV.
Die Kosten des Verfahrens wurden den Beschwerdeführern auferlegt. Das Urteil ist bemerkenswert, weil es klärt, dass eine kantonale Volksinitiative, die mittels finanzieller Sanktionen gezielt eine einzelne Gemeinde in einem ihr autonom überlassenen Sachbereich unter Druck setzt, bereits dann gegen die Gemeindeautonomie verstösst, wenn sie formal keine direkten Verbote ausspricht, sondern faktisch die Ausübung eines verfassungsmässigen Rechts unzumutbar erschwert.
Regeste
Art. 10, Art. 48, Art. 59 Abs. 2 lit. a und Art. 109 KV/BE, Art. 5 Abs. 2, Art. 8, Art. 34 Abs. 1 und Art. 50 Abs. 1 BV; Ungültigerklärung einer kantonalen Gesetzesinitiative (Volksinitiative) im Kanton Bern wegen Verstosses gegen übergeordnetes Recht. Kriterien für die Beurteilung der materiellen Rechtmässigkeit einer kantonalen Volksinitiative; Bedeutung des Wortlauts der Initiative, insbesondere bei einer ausformulierten Gesetzesinitiative (E. 7.3). In Verbindung mit der Rüge der Verletzung ihrer Autonomie kann sich eine Gemeinde auf weitere Verfassungsrechte und -grundsätze berufen (E. 7.4.1). Die für ungültig erklärte Volksinitiative schränkt die der Stadt Bern im Bereich der lokalen Kulturförderung zukommende Autonomie durch eine finanzielle Sanktion faktisch übermässig ein und hält auch vor dem Verhältnismässigkeitsprinzip nicht stand (E. 7.4.2-7.4.5). Die Initiative verstösst ausserdem gegen das Rechtsgleichheitsgebot (E. 7.4.6). Regeste Art. 10, art. 48, art. 59 al. 2 let. a et art. 109 Cst./BE, art. 5 al. 2, art. 8, art. 34 al. 1 et art. 50 al. 1 Cst.; invalidation d'une initiative législative cantonale (initiative populaire) dans le canton de Berne pour violation du droit supérieur. Critères d'appréciation de la validité matérielle d'une initiative populaire cantonale; importance du libellé de l'initiative, en particulier s'agissant d'une initiative législative rédigée de toutes pièces (consid. 7.3). En relation avec le grief de violation de son autonomie, une commune peut se prévaloir d'autres droits et principes constitutionnels (consid. 7.4.1). En instituant une sanction financière, l'initiative populaire invalidée porte en pratique une atteinte excessive à l'autonomie dont dispose la ville de Berne dans le domaine de la promotion de la culture au niveau local; elle viole aussi le principe de la proportionnalité (consid. 7.4.2-7.4.5), ainsi que le principe d'égalité de traitement (consid. 7.4.6). Regesto Art. 10, art. 48, art. 59 cpv. 2 lett. a e art. 109 Cost./BE, art. 5 cpv. 2, art. 8, art. 34 cpv. 1 e art. 50 cpv. 1 Cost.; dichiarazione di irricevibilità di un'iniziativa legislativa cantonale (iniziativa popolare) nel Canton Berna per violazione del diritto superiore. Criteri per l'esame della validità materiale di un'iniziativa popolare cantonale; portata del tenore letterale dell'iniziativa, in particolare di un'iniziativa legislativa elaborata (consid. 7.3). In relazione con la censura di violazione della sua autonomia, un comune può prevalersi di ulteriori diritti e principi costituzionali (consid. 7.4.1). Istituendo una sanzione finanziaria, l'iniziativa dichiarata irricevibile restringe di fatto in maniera eccessiva l'autonomia che spetta alla Città di Berna in materia di promozione della cultura a livello locale e inoltre non rispetta né il principio di proporzionalità (consid. 7.4.2-7.4.5) né quello della parità di trattamento (consid. 7.4.6).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.