Algerischer Staatsangehöriger verliert nach Scheidung Aufenthaltsrecht: Neue Ausschaffungshaft ohne Anrechnung früherer Haftzeiten zulässig (Art. 79 Abs. 1 und 2 AuG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 143 II 113 · ATF 143 II 113 · DTF 143 II 113
- Datum
- 23.12.2016
- Geschäftsnummer
- BGE 143 II 113
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Ein algerischer Staatsangehöriger war 2003 asylrechtlich abgewiesen und mehrfach in ausländerrechtlicher Haft, bis er 2009 durch Heirat mit einer Schweizerin ein Aufenthaltsrecht erhielt. Nach Scheidung und Verlust des Aufenthaltsrechts wurde er 2012 erneut ausgewiesen und 2016 in Ausschaffungshaft genommen. Er rügte, die neue Haft überschreite die gesetzliche Maximaldauer, weil frühere Haftzeiten nicht angerechnet würden.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab. Es stellte fest, dass die Erteilung der Aufenthaltsbewilligung im Jahr 2009 das frühere Ausweisungsverfahren definitiv beendete. Der Verlust des Aufenthaltsrechts nach Scheidung und die anschließende erneute Wegweisung vom 3. April 2012 begründeten ein gänzlich neues Ausweisungsverfahren, das in keiner Weise mit dem 2003 ergangenen Wegweisungsbeschluss zusammenhing. Daher waren die früheren Haftzeiten – insgesamt rund 16 Monate – im neuen Verfahren nicht anzurechnen. Die neu angeordnete dreimonatige Ausschaffungshaft lag daher deutlich innerhalb der gesetzlichen Maximaldauer von 18 Monaten für Volljährige nach Art. 79 Abs. 1 und 2 AuG. Das Gericht betonte, dass nur Haftzeiten innerhalb desselben Ausweisungsverfahrens zusammengerechnet werden müssen; bei einem neuen Verfahren beginnen die Fristen von Neuem zu laufen. Dies entspricht sowohl der bundesgerichtlichen Rechtsprechung als auch der herrschenden Lehre. Die Haft war zudem nicht unverhältnismäßig, da sie auf die konkrete Vollzugsproblematik – fehlende Kooperation bei der Beschaffung eines Reisedokuments – bezogen war. Die Entscheidung klärt maßgeblich die Abgrenzung zwischen fortlaufendem und neuem Ausweisungsverfahren im Hinblick auf die Anrechnung ausländerrechtlicher Haft.
Regeste
Art. 79 Abs. 1 und 2 AuG; Maximaldauer von ausländerrechtlicher Haft; Anrechnung von früheren Haftzeiten nach zwischenzeitlicher Entlassung. Zwecks Berechnung der maximal zulässigen Gesamtdauer von ausländerrechtlicher Haft sind die Haftzeiten bei mehrfacher Inhaftierung im Rahmen von ein und demselben Ausweisungsverfahren zusammenzurechnen. Anders verhält es sich dagegen, wenn die Haftanordnung im Rahmen eines neuen, von früheren Vorgängen unabhängigen Ausweisungsverfahrens erfolgt. Diesfalls beginnen die gesetzlichen Fristen von Neuem zu laufen und eine Inhaftierung ist wieder im vollen Ausmass der vorgesehenen Maximaldauer zulässig. Ein neues Ausweisungsverfahren liegt namentlich dann vor, wenn ein früheres Verfahren etwa durch erfolgreiche Ausschaffung oder freiwillige Ausreise des Ausländers abgeschlossen wurde und dieser nach einer erneuten Einreise in die Schweiz abermals weggewiesen wird. Gleiches gilt aber auch, wenn eine ausländische Person während eines laufenden Ausweisungsverfahrens ein Aufenthaltsrecht für die Schweiz erhält, die zuvor ausgesprochene Wegweisung somit dahinfällt, der Ausländer seinen Aufenthaltstitel zu einem späteren Zeitpunkt jedoch wieder verliert und es dann zu einer erneuten Wegweisung kommt. (E. 3.1-3.3) Regeste Art. 79 al. 1 et 2 LEtr; durée maximale d'une détention ordonnée en vertu du droit des étrangers; prise en compte, après une libération intervenue dans l'intervalle, de durées de détention antérieures. Pour calculer la durée totale maximale admissible d'une détention ordonnée en vertu du droit des étrangers, il faut, en cas de détentions multiples, additionner les durées de détention d'une seule et même procédure de renvoi. Il en va en revanche autrement si la décision de mise en détention intervient dans le cadre d'une nouvelle procédure de renvoi, indépendante de procédures antérieures. Dans ce cas, les délais légaux recommencent à courir et une détention est à nouveau admissible pour la durée maximale prévue. Il y a notamment nouvelle procédure de renvoi lorsque, par exemple, une procédure antérieure s'est achevée par une expulsion réussie ou par un départ volontaire de l'étranger et que ce dernier doit derechef être expulsé après une nouvelle entrée en Suisse. Il en va de même lorsqu'une personne étrangère obtient un droit de séjour en Suisse, alors qu'une procédure d'expulsion est en cours, de sorte que le renvoi prononcé antérieurement devient caduc et que l'étranger perd à nouveau son titre de séjour par la suite, ce qui entraîne un nouveau renvoi (consid. 3.1-3.3). Regesto Art. 79 cpv. 1 e 2 LStr; durata massima di una carcerazione in materia di diritto degli stranieri; computo, dopo una liberazione intervenuta nel frattempo, della durata delle precedenti carcerazioni. Per calcolare la durata massima ammissibile di una carcerazione in materia di diritto degli stranieri si deve, in caso di ripetute carcerazioni, sommare la durata delle detenzioni decise nell'ambito di un'unica e medesima procedura di rinvio. Se invece la decisione di carcerazione è presa nell'ambito di un nuovo procedimento di rinvio, indipendente da procedimenti precedenti, i termini legali decorrono nuovamente e una carcerazione è di nuovo ammissibile per tutta la durata massima prevista. Una nuova procedura di rinvio è data segnatamente quando una procedura precedente si è conclusa con un rinvio riuscito oppure con una partenza volontaria dello straniero e questi deve essere rinviato un'altra volta dopo essere nuovamente rientrato in Svizzera. Lo stesso dicasi quando uno straniero ottiene un'autorizzazione di soggiorno in Svizzera nelle more di una procedura di rinvio, con conseguente decadenza della precedente decisione di rinvio, e, in seguito, perde però la propria autorizzazione di soggiorno, ciò che dà luogo a uno nuovo rinvio (consid. 3.1-3.3).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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