Wahl einer Schlichterin ohne Verbandsvorschlag: Verletzung des Paritätsprinzips bei Mietstreitigkeiten (Art. 200 Abs. 1 ZPO)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 141 III 439 · ATF 141 III 439 · DTF 141 III 439
- Datum
- 14.09.2015
- Geschäftsnummer
- BGE 141 III 439
- Abteilung
- CH_BGE_005
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Regula Spahn und der Mieterinnen- und Mieterverband Zürich fochten die Wahl von Barbara Rauber als mieterseitiges Mitglied der Paritätischen Schlichtungsbehörde in Miet- und Pachtsachen des Bezirks Meilen an. Rauber war zwar Mitglied des Verbands, wurde aber vom Verband nicht mehr zur Wahl vorgeschlagen, während Spahn vorgeschlagen worden war. Das Obergericht wies den Rekurs ab, woraufhin die Beschwerdeführer ans Bundesgericht gelangten.
Das Bundesgericht heisst die Beschwerde gut und hebt den angefochtenen Entscheid auf, soweit er die Wahl von Barbara Rauber bestätigt. Es stellt fest, dass der bundesrechtlich verankerte Grundsatz der paritätischen Vertretung nach Art. 200 Abs. 1 ZPO eine Ausnahme von der kantonalen Organisationsautonomie darstellt. Die blosse Mitgliedschaft einer Person in einem vorschlagsberechtigten Mieterverband reicht nicht aus, um sie eindeutig der Mieterseite zuzuordnen. Eine solche eindeutige Zuordnung erfordert vielmehr, dass die Person das Vertrauen des Verbands geniesst, welches sich konkret darin äussert, dass der Verband sie zur Wahl vorschlägt. Da Rauber vom Mieterverband nicht mehr vorgeschlagen wurde, fehlte diese eindeutige Zuordnung zur Mieterseite. Die Vorinstanz hat daher Art. 200 Abs. 1 ZPO verletzt. Das Gericht ändert den Wahlbeschluss des Bezirksgerichts Meilen dahingehend, dass Rauber für den Rest der Amtsdauer 2014-2020 nicht mehr als Mitglied eingesetzt ist. Die Aufhebung wirkt jedoch erst ab dem Zeitpunkt dieses Urteils, da die ursprüngliche Wahl nicht nichtig war und die Rechtssicherheit dies gebietet.
Regeste
Art. 122 Abs. 2 BV; Art. 3 sowie 200 Abs. 1 ZPO; Grundsatz der paritätischen Vertretung bei den Paritätischen Schlichtungsbehörden in Miet- und Pachtsachen. Der bundesrechtlich festgeschriebene Grundsatz der paritätischen Vertretung bei den Schlichtungsbehörden bei Streitigkeiten aus Miete und Pacht von Wohn- und Geschäftsräumen stellt eine Ausnahme von der Autonomie der Kantone bei der Organisation der Gerichte und der Schlichtungsbehörden in Zivilsachen dar (E. 2). Als Schlichter vermieter- und mieterseits soll nur tätig sein, wer eindeutig der Vermieter- oder der Mieterseite zugeordnet werden kann. Der Umstand, dass eine Person Mitglied eines vorschlagsberechtigten Mieterverbands ist, erlaubt noch nicht, sie eindeutig der Mieterseite zuzuordnen. Eine eindeutige Zuordnung zur Mieterseite setzt zusätzlich voraus, dass die betreffende Person auch das Vertrauen des Interessenverbands geniesst, was sich darin ausdrückt, dass dieser sie zur Wahl vorschlägt (E. 3 und 4.1). Regeste Art. 122 al. 2 Cst.; art. 3 ainsi qu'art. 200 al. 1 CPC; principe de la composition paritaire de l'autorité de conciliation en matière de litiges relatifs aux baux à loyer ou à ferme. Le principe de la composition paritaire des autorités de conciliation en matière de litiges relatifs aux baux à loyer ou à ferme d'habitations, consacré par le droit fédéral, constitue une exception à la compétence des cantons dans le domaine de l'organisation des tribunaux et des autorités de conciliation (consid. 2). Seule une personne représentant sans équivoque les intérêts des bailleurs, respectivement ceux des locataires, peut siéger en tant que membre de l'autorité de conciliation. Le fait d'être affilié à une association de locataires habilitée à proposer des candidats à cette fonction ne signifie pas encore que la personne concernée représente manifestement les intérêts des locataires. Un rattachement sans équivoque de celle-ci à la cause des locataires présuppose en outre qu'elle bénéficie de la confiance d'une telle association, confiance qui se traduit par la proposition de sa candidature à la fonction de représentant paritaire (consid. 3 et 4.1). Regesto Art. 122 cpv. 2 Cost.; art. 3 nonché art. 200 cpv. 1 CPC; principio della rappresentanza paritetica nell'autorità di conciliazione in materia di locazione e affitto. Il principio, sancito dal diritto federale, della rappresentanza paritetica nelle autorità di conciliazione nelle controversie in materia di locazione e affitto di abitazioni e di locali commerciali, costituisce un'eccezione all'autonomia dei Cantoni nell'organizzazione dei tribunali e delle autorità di conciliazione in materia civile (consid. 2). Solo una persona che rappresenta in modo inequivocabile gli interessi dei locatori, rispettivamente dei conduttori, può esercitare in loro rappresentanza l'attività di membro dell'autorità di conciliazione. Il fatto di essere affiliato a un'associazione di conduttori abilitata a proporre candidati non consente ancora di ritenere l'interessato come rappresentante univoco dei conduttori. Un'attribuzione inequivocabile alla categoria dei conduttori presuppone inoltre che l'interessato goda della fiducia dell'associazione di categoria, ciò che si traduce in una sua proposta di candidatura (consid. 3 e 4.1).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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