Eltern rügen Verletzung der Gemeindeautonomie durch kantonales Schulgesetz: Sprachwechsel nur aufbauend zulässig (Art. 50 BV)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 141 I 36 · ATF 141 I 36 · DTF 141 I 36
- Datum
- 15.12.2014
- Geschäftsnummer
- BGE 141 I 36
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 50 BV Art. 70 BV Art. 24 GR Art. 65 KV/GR Art. 89 KV/GR Art. 1 Schulgesetz/GR Art. 29 Schulgesetz/GR Art. 32 Schulgesetz/GR
Zusammenfassung
Im Kanton Graubünden stritten Eltern schulpflichtiger Kinder mit den kantonalen Behörden über die Festlegung der Schulsprache in rätoromanischen Gemeinden. Der Grosse Rat hatte im neuen Volksschulgesetz bestimmt, dass ein Wechsel der Schulsprache zwischen Rumantsch Grischun und den lokalen Idiomen nur aufbauend von Schuljahr zu Schuljahr erfolgen darf, was einen sofortigen Wechsel für bereits eingeschulte Kinder ausschliesst. Die Beschwerdeführer sahen darin eine unzulässige Einschränkung der kommunalen Selbstbestimmung und verlangten die Aufhebung dieser Bestimmung sowie des vorinstanzlichen Urteils.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab und bestätigte, dass die gesetzliche Regelung zur Schulsprache die Gemeindeautonomie nicht verletzt. Zunächst stellte das Gericht fest, dass Private sich auf die Gemeindeautonomie berufen dürfen, soweit diese Garantie Auswirkungen auf ihre rechtliche oder tatsächliche Stellung hat; die kantonalen Instanzen müssen solche Rügen prüfen können, da eine Beschränkung der Autonomiebeschwerde auf Gemeinden allein bundesrechtswidrig wäre.
In der Sache erkannte das Gericht zwar an, dass den Gemeinden bei der Festlegung der Schulsprache eine relativ erhebliche Entscheidungsfreiheit und damit Autonomie zukommt. Diese Autonomie wird jedoch durch die Kantonsverfassung selbst relativiert. Gemäss Art. 3 Abs. 3 der Bündner Kantonsverfassung bestimmen die Gemeinden ihre Schulsprachen im Zusammenwirken mit dem Kanton. Zudem gewährt Art. 89 Abs. 2 KV/GR dem Kanton die Kompetenz, pädagogische Ziele und Lerninhalte festzulegen. Der Gesetzgeber durfte daher aus sachlichen Gründen bestimmen, dass ein Sprachwechsel nur aufbauend erfolgt, um Kinder während der Schulzeit nicht zu zwingen, die Alphabetisierungssprache zu wechseln. Diese Regelung dient auch der Chancengleichheit bei Prüfungen und der Vereinfachung der überkommunalen Koordination, insbesondere wenn Schüler in regional geführte Oberstufen übertreten. Da die Einschränkung der kommunalen Autonomie durch verfassungsrechtliche Vorgaben gedeckt und pädagogisch gerechtfertigt ist, liegt keine Verletzung der Gemeindeautonomie vor.
Regeste
Art. 50 Abs. 1 BV; Art. 3, 65 und 89 KV/GR; Art. 82 lit. b, Art. 89 Abs. 1, Art. 95, 111 Abs. 1 BGG. Art. 32 des Gesetzes des Kantons Graubünden vom 21. März 2012 über die Volksschulen, wonach ein Wechsel der Schulsprache vom Rumantsch Grischun zum Idiom oder umgekehrt aufbauend von Schuljahr zu Schuljahr erfolgt, verletzt die Gemeindeautonomie nicht. Besteht eine kantonale Verfassungsgerichtsbarkeit, kann im bundesgerichtlichen Verfahren (Art. 82 lit. b BGG) nicht nur die Aufhebung des letztinstanzlichen kantonalen Entscheids, sondern auch des zu überprüfenden kantonalen Erlasses beantragt werden, und richtet sich die Beschwerdelegitimation nach den Grundsätzen des abstrakten Normenkontrollverfahrens (E. 1.2.2). Private können sich auf die Gemeindeautonomie berufen, soweit diese Garantie eine Auswirkung auf ihre rechtliche oder tatsächliche Stellung haben kann (E. 1.2.4). Eine kantonale Regelung, welche die Autonomiebeschwerde nur den Gemeinden zugesteht, ist bundesrechtswidrig (E. 5.1). Kognition des Bundesgerichts bei Beschwerden wegen Verletzung der Gemeindeautonomie (E. 5.3 und 5.4). Den Gemeinden des Kantons Graubünden kommt bei der Festlegung der Schulsprache eine relativ erhebliche Entscheidungsfreiheit und damit Autonomie zu (E. 5.5). Der gesetzliche Ausschluss eines Sprachwechsels für bereits eingeschulte Kinder (E. 5.6.1) beruht auf der die Gemeindeautonomie relativierenden verfassungsrechtlichen Vorgabe von Art. 3 Abs. 3 KV/GR, wonach die Schulsprache in Zusammenwirken mit dem Kanton festzusetzen ist (E. 5.6.2 und 5.6.3), und auf der pädagogischen Überlegung, dass die Kinder im Verlaufe der Schulzeit nicht zu einem Wechsel der Schulsprache gezwungen werden sollen (E. 5.6.4-5.6.6). Die sachlich gerechtfertigte Regelung verletzt die Gemeindeautonomie nicht (E. 5.7). Regeste Art. 50 al. 1 Cst.; art. 3, 65 et 89 Cst./GR; art. 82 let. b, art. 89 al. 1, art. 95, 111 al. 1 LTF. L'art. 32 de la loi du canton des Grisons du 21 mars 2012 sur les écoles primaires, selon lequel un changement de la langue scolaire du Rumantsch Grischun à un idiome, ou inversement, a un effet pour l'ensemble de la scolarité, ne viole pas l'autonomie communale. S'il existe une juridiction constitutionnelle cantonale, on peut alors, au cours de la procédure devant le Tribunal fédéral (art. 82 let. b LTF), demander non seulement l'annulation de la décision de dernière instance cantonale, mais également celle de l'acte normatif cantonal soumis à examen, et la qualité pour agir se détermine selon les principes de la procédure de contrôle abstrait des normes (consid. 1.2.2). Les privés peuvent invoquer l'autonomie communale, dans la mesure où cette garantie peut avoir un effet sur leur situation juridique ou de fait (consid. 1.2.4). Une réglementation cantonale qui n'ouvre de voie de recours tirée de l'autonomie qu'aux communes est contraire au droit fédéral (consid. 5.1). Cognition du Tribunal fédéral dans les recours pour violation de l'autonomie communale (consid. 5.3 et 5.4). Les communes du canton des Grisons disposent d'une liberté d'appréciation relativement importante et partant d'autonomie pour déterminer la langue scolaire (consid. 5.5). L'exclusion légale d'un changement de langue pour les enfants déjà scolarisés (consid. 5.6.1) repose sur la disposition constitutionnelle relativisant l'autonomie communale de l'art. 3 al. 3 Cst./GR, selon laquelle la langue scolaire doit être décidée en collaboration avec le canton (consid. 5.6.2 et 5.6.3), et sur la réflexion pédagogique selon laquelle les enfants ne devraient pas être contraints à changer de langue scolaire au cours de la scolarité (consid. 5.6.4-5.6.6). La réglementation objectivement justifiée ne viole pas l'autonomie communale (consid. 5.7). Regesto Art. 50 cpv. 1 Cost.; art. 3, 65 e 89 Cost./GR; art. 82 lett. b, art. 89 cpv. 1, art. 95, 111 cpv. 1 LTF. L'art. 32 della legge per le scuole popolari del Cantone dei Grigioni del 21 marzo 2012, che prescrive che un cambiamento della lingua scolastica dal rumantsch grischun all'idioma o viceversa debba avvenire progressivamente di anno scolastico in anno scolastico, non viola l'autonomia comunale. Se esiste una giurisdizione costituzionale cantonale, nel corso della procedura davanti al Tribunale federale (art. 82 lett. b LTF) può essere richiesto non solo l'annullamento della decisione di ultima istanza cantonale, ma anche quello dell'atto normativo cantonale sottoposto all'esame, e la qualità per ricorrere si determina secondo i principi della procedura di controllo astratto delle norme (consid. 1.2.2). Per quanto questa garanzia possa avere un effetto sulla loro situazione giuridica o di fatto, i privati possono invocare l'autonomia comunale (consid. 1.2.4). Una regolamentazione cantonale che accorda una via di ricorso per fare valere la violazione dell'autonomia comunale unicamente ai Comuni è contraria al diritto federale (consid. 5.1). Potere d'esame del Tribunale federale nell'ambito di ricorsi con i quali viene fatta valere la violazione dell'autonomia comunale (consid. 5.3 e 5.4). In materia di determinazione della lingua scolastica, i Comuni del Cantone dei Grigioni dispongono di una libertà di decisione relativamente importante e, di conseguenza, di autonomia (consid. 5.5). L'esclusione per via legislativa di un cambiamento di lingua per bambini già scolarizzati (consid. 5.6.1) si basa sulla disposizione costituzionale che relativizza l'autonomia comunale contenuta nell'art. 3 cpv. 3 Cost./GR, secondo la quale la lingua scolastica dev'essere decisa in cooperazione con il Cantone (consid. 5.6.2 e 5.6.3), e sulla riflessione pedagogica che i bambini non dovrebbero essere costretti a cambiare la lingua scolastica durante la scolarità (consid. 5.6.4-5.6.6). La regolamentazione, obiettivamente giustificata, non viola l'autonomia comunale (consid. 5.7).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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