Unternehmerin reicht nachträglich Ursprungserklärungen für EU-Holzerzeugnisse ein: Nachträgliche Präferenzverzollung zulässig, wenn innerhalb von zwei Jahren nach Einfuhr vorgelegt (Art. 22 Abs. 8 Prot. 3 2005)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 149 II 129 · ATF 149 II 129 · DTF 149 II 129
- Datum
- 21.12.2022
- Geschäftsnummer
- 2C_890/2019
- Abteilung
- II. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Rückweisung
Tragende Normen
Zusammenfassung
Die A.________ GmbH hatte zwischen dem 3. Januar 2012 und dem 9. Februar 2016 Holzerzeugnisse aus der EU eingeführt und für diese definitive Präferenzverzollung beantragt, obwohl zum Zeitpunkt der elektronischen Zollanmeldung über das System «e-dec» keine gültigen Ursprungsnachweise mit Originalunterschrift vorlagen. Die Waren wurden trotzdem präferenziell «frei ohne» abgefertigt. Später stellte die Zollverwaltung fest, dass die erforderlichen Rechnungserklärungen fehlten, und forderte Abgaben nach. Die Beschwerdeführerin reichte nachträglich erstellte Ursprungserklärungen ein, die die Zollverwaltung jedoch nicht akzeptierte. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte die Nachforderung, worauf die A.________ GmbH beim Bundesgericht Beschwerde einlegte. Streitig war insbesondere, ob nachträgliche Ursprungserklärungen im Rahmen des Freihandelsabkommens zulässig sind und ob das nationale Zollrecht dieser Möglichkeit entgegensteht.
Das Bundesgericht hob das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts auf und wies die Sache an die Eidgenössische Zollverwaltung zur Neuüberprüfung zurück. Es entschied, dass Ursprungserklärungen auf Rechnungen gemäss Art. 22 Abs. 8 des Protokolls Nr. 3 zum Freihandelsabkommen auch nachträglich vorgelegt werden dürfen, sofern dies innerhalb von zwei Jahren nach der Einfuhr geschieht. Diese Bestimmung enthält materielle Vorgaben, die nicht durch nationale Verfahrensvorschriften wie Art. 25 des Protokolls oder das schweizerische Zollgesetz ausgehebelt werden können. Art. 2 Abs. 1 ZG enthält ausdrücklich einen Vorbehalt zugunsten völkerrechtlicher Verträge. Die nachträgliche Einreichung ist daher zulässig, auch wenn das nationale Recht grundsätzlich keine nachträgliche Präferenzverzollung vorsieht. Allerdings gilt die Frist von zwei Jahren strikt: Ursprungsnachweise, die später als zwei Jahre nach der jeweiligen Einfuhr bei der EZV eingereicht wurden, sind unzulässig; zudem verlieren solche Nachweise nach vier Monaten ihre Gültigkeit, unabhängig von der Zweijahresfrist. Die Beschwerdeführerin erhielt eine Parteientschädigung von Fr. 20'000.-- und die Zollverwaltung wurde zur Tragung der Gerichtskosten verurteilt. Dieses Urteil klärt erstmals umfassend die Anwendbarkeit der nachträglichen Vorlage von Ursprungserklärungen im Schweizer Zollrecht unter Berücksichtigung des internationalen Vertragsrechts und stellt klar, dass völkerrechtliche Verträge im Konfliktfall Vorrang vor nationalen Verfahrensvorschriften haben.
Regeste
Art. 85 ZG; Art. 22 Abs. 8 Protokoll Nr. 3 zum FHA; Fehlen gültiger Ursprungserklärungen auf Rechnungen im Zeitpunkt der Zollanmeldung; für niedrige Warenwerte ist es jedoch erforderlich, innerhalb von zwei Jahren nach der Einfuhr im Einfuhrland vorgelegte Erklärungen zu berücksichtigen. Mangels Originalunterschrift lagen im Zeitpunkt der Zollanmeldung nach nationalem Recht keine gültigen Ursprungserklärungen auf Rechnungen für eine präferenzielle Verzollung vor. Die schweizerischen Zollbehörden erhoben gestützt auf Art. 85 ZG Nachforderungen wegen ungerechtfertigt erfolgter Präferenzabfertigung (E. 3, 5.1-5.3). Dem Zollgesetz bleiben völkerrechtliche Verträge vorbehalten (Art. 2 Abs. 1 ZG). Im Anwendungsbereich des Freihandelsabkommens zwischen der Schweiz und der Europaïschen Wirtschaftsgemeinschaft müssen im Zeitpunkt der definitiven Veranlagungen noch nicht existierende, erst nachträglich ausgestellte Ursprungserklärungen jedoch Berücksichtigung finden: Gestützt auf Art. 22 Abs. 8 Protokoll Nr. 3 2005 zum FHA ist es für niedrige Warenwerte unter 6'000 EUR ausdrücklich zulässig, die Ursprungserklärungen auf der Rechnung auch nach der definitiven Zollanmeldung vorzulegen, sofern sie im Einfuhrland spätestens zwei Jahre nach der Einfuhr der betroffenen Erzeugnisse vorgelegt werden (E. 4, 6.1 und 6.2). Die erhobenen Nachforderungen wegen ungerechtfertigt erfolgter Präferenzabfertigung sind vorliegend unzulässig, soweit die Erklärungen fristgemäss vorgelegt wurden. Regeste Art. 85 LD; art. 22 al. 8 du protocole n° 3 à l'ALE; absence de déclarations d'origine valables sur les factures au moment de la déclaration en douane; pour les marchandises de faible valeur, il est toutefois nécessaire de tenir compte des déclarations présentées dans le pays d'importation dans les deux ans suivant l'importation. En l'absence de signature originale, il n'y avait pas, conformément à la législation nationale, de déclarations d'origine valables sur les factures de dédouanement préférentiel au moment de la déclaration en douane. Les autorités douanières suisses ont ainsi procédé à des perceptions subséquentes de droits de douane sur la base de l'art. 85 LD en raison d'un dédouanement préférentiel injustifié (consid. 3, 5.1-5.3). La loi sur les douanes s'applique sous réserve des traités internationaux (art. 2 al. 1 LD). Dans le domaine d'application de l'accord de libre-échange entre la Suisse et la Communauté économique européenne, il faut tenir compte des déclarations d'origine qui n'existaient pas encore au moment de la taxation définitive et qui ont été notifiées ultérieurement: selon l'art. 22 al. 8 du protocole n° 3 2005 à l'ALE, il est expressément autorisé, pour les marchandises d'une valeur inférieure à 6'000 EUR, de présenter les déclarations d'origine sur facture même après la déclaration en douane définitive, à condition que celles-ci soient présentées dans le pays d'importation au plus tard deux ans après l'importation des produits concernés (consid. 4, 6.1 et 6.2). En l'espèce, les droits de douane perçus a posteriori pour cause de dédouanement préférentiel injustifié sont inadmissibles dans la mesure où les déclarations ont été présentées dans le délai de deux ans imparti. Regesto Art. 85 LD; art. 22 cpv. 8 del Protocollo n. 3 all'ALS; mancanza di valide dichiarazioni di origine sulle fatture al momento della dichiarazione in dogana; per le merci di poco valore, si deve tuttavia tenere conto delle dichiarazioni presentate nel paese d'importazione entro due anni dall'importazione. Prive di firma originale, le dichiarazioni di origine sulle fatture di sdoganamento preferenziale al momento della dichiarazione in dogana non erano valide secondo il diritto nazionale. Le autorità doganali svizzere hanno quindi proceduto a riscuotere posticipatamente i dazi doganali sulla base dell'art. 85 LD, siccome lo sdoganamento preferenziale era ingiustificato (consid. 3, 5.1-5.3). La legge sulle dogane si applica sotto riserva dei trattati internazionali (art. 2 cpv. 1 LD). Nell'ambito di applicazione dell'Accordo di libero scambio tra la Svizzera e la Comunità economica europea, occorre tenere conto delle dichiarazioni di origine che non esistevano ancora al momento della tassazione definitiva, ma che sono state notificate ulteriormente: per le merci di valore inferiore a 6'000 euro, l'art. 22 cpv. 8 del Protocollo n. 3 2005 dell'ALS consente espressamente di presentare le dichiarazioni di origine su fattura anche dopo la definitiva dichiarazione in dogana, a condizione che siano presentate nel paese d'importazione al più tardi entro due anni dalla loro importazione (consid. 4, 6.1 e 6.2). Nel caso concreto, i dazi doganali riscossi posticipatamente per sdoganamento preferenziale ingiustificato sono inammissibili dato che le dichiarazioni sono state presentate nel termine impartito di due anni.
Originalentscheid beim Gericht ↗
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