Doktorand beantragt Einsicht in archivierte Asylakten der Familie C.________: Vorinstanz unterlässt erforderliche Interessenabwägung nach Art. 13 Abs. 1 lit. b BGA
- BGE / ATF / DTF
- BGE 148 II 273 · ATF 148 II 273 · DTF 148 II 273
- Datum
- 01.03.2022
- Geschäftsnummer
- 1C_117/2021
- Abteilung
- I. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Rückweisung
Tragende Normen
Art. 11 BGA Art. 13 BGA Art. 18 BGA Art. 82 BGG Art. 86 BGG Art. 13 VBGA Art. 18 VBGA
Zusammenfassung
Ein Doktorand, der eine Dissertation über die Schweizer Asylpolitik der 1980er und 1990er Jahre schreibt, beantragte beim Schweizerischen Bundesarchiv Einsicht in ein archiviertes Dossier über einen aus dem damaligen Zaïre stammenden Asylbewerber und dessen Familie. Das Staatssekretariat für Migration lehnte die Einsicht ab, weil die Akten einer verlängerten Schutzfrist von 50 Jahren unterlagen und keine Ausnahmegewährung nach den gesetzlichen Voraussetzungen erfolgen könne. Gegen diesen Entscheid erhob der Doktorand Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht, das diese abwies. Dagegen legte er Beschwerde beim Bundesgericht ein und beantragte die Aufhebung des Urteils sowie die Gewährung der Einsicht oder zumindest eine Rückweisung zur Neubeurteilung.
Das Bundesgericht hob das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts auf und verwies die Sache zur erneuten Interessenabwägung zurück, weil die Vorinstanz die gesetzlichen Voraussetzungen für eine vorzeitige Einsichtnahme in archivierte Akten nicht ordnungsgemäss geprüft hatte.
Die Vorinstanz hatte nicht hinreichend gewürdigt, dass D.C.________, der Hauptbetroffene, eine "relativ bekannte Persönlichkeit" ist, deren Anspruch auf Privatsphäre gegenüber einer Durchschnittsperson reduziert ist. Sie hatte ferner nicht berücksichtigt, dass D.C.________ selbst zahlreiche sensible Informationen über sein Asylverfahren und sein Leben bereits 1988 in seiner Autobiographie veröffentlicht hatte, was auf ein Interesse an öffentlicher Diskussion hindeutet. Auch die Behauptung, eine volatile politische Lage in der Demokratischen Republik Kongo stelle ein konkretes Risiko dar, blieb unkonkret und unbegründet: Die Vorinstanz erläuterte nicht, wie genau eine Einsichtnahme in Schweizer Archivakten, die sich auf Ereignisse vor mehreren Jahrzehnten beziehen, heute noch Nachteile für die dort lebenden Familienmitglieder bewirken könnte. Zudem vernachlässigte sie den Grundsatz, dass der Persönlichkeitsschutz primär bei der Veröffentlichung, nicht bei der bloßen Einsichtnahme durch einen Wissenschaftler greift; Auflagen bei einer späteren Publikation seien daher ein geeignetes Mittel, um Interessen zu wahren. Diese Mängel verletzten Art. 13 Abs. 1 lit. b BGA und Art. 18 Abs. 3 lit. b VBGA.
Art. 13 Abs. 1 lit. a BGA und Art. 18 Abs. 3 lit. a VBGA wurden nicht als entgegenstehend angesehen, ebenso wenig schutzwürdige öffentliche Interessen nach Art. 13 Abs. 1 lit. b BGA oder Art. 13 Abs. 3 lit. b VBGA. Die Beschwerde war zulässig nach Art. 82 lit. a und Art. 86 Abs. 1 lit. a BGG, da der Beschwerdeführer am vorinstanzlichen Verfahren teilgenommen und durch den ablehnenden Entscheid besonders berührt war (Art. 89 Abs. 1 BGG). Es entstanden keine Gerichtskosten (Art. 66 Abs. 4 BGG), doch erhielt der Beschwerdeführer eine Parteientschädigung von 3'000 Franken (Art. 68 BGG).
Die Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie klärt, dass die Qualifikation als "relativ bekannte Persönlichkeit" im Archivrechtskontext eine eigenständige, abgestufte Schutzbedürftigkeit begründet – weniger als eine Person der Zeitgeschichte, aber mehr als eine Durchschnittsperson – und dass die Interessenabwägung bei Einsichtsgesuchen systematisch zwischen Einsicht und Veröffentlichung differenzieren muss.
Regeste
Art. 13 Abs. 1 BGA; Art. 18 Abs. 3 und 4 VBGA; Einsichtnahme in Archivgut vor Ablauf der Schutzfrist zu Forschungszwecken; Person der Zeitgeschichte; Interessenabwägung. Bundesgerichtliche Rechtsprechung zu den Begriffen der absoluten und relativen Person der Zeitgeschichte sowie zur "relativ bekannten" Persönlichkeit und Anwendung im Archivrecht (E. 5.1 und 5.5). Fehlende umfassende Interessenabwägung durch die Vorinstanz. Die Aufarbeitung der Geschichte ist als gewichtiges Interesse an der Einsichtnahme zu berücksichtigen; dieses wird zusätzlich durch die legitime Anrufung der Wissenschaftsfreiheit verstärkt (E. 6.5.2). Die entgegenstehenden privaten Interessen an der Geheimhaltung sind differenziert abzuklären: Einer "relativ bekannten" Persönlichkeit, die überdies viele der im Archivdossier enthaltenen Informationen bereits selbst an die Öffentlichkeit getragen hat, kommt ein weniger weit reichender Anspruch auf Privatsphäre zu (E. 6.5.3). Das Problem der Persönlichkeitsverletzung liegt vor allem bei der Veröffentlichung: Das Verhältnismässigkeitsprinzip gebietet allenfalls eine Einsichtnahme mit Auflagen betreffend die Veröffentlichung (E. 6.5.5). Regeste Art. 13 al. 1 LAr; art. 18 al. 3 et 4 OLAr; consultation des archives avant l'échéance du délai de protection à des fins de recherche; personne appartenant à l'histoire contemporaine; pesée d'intérêts. Jurisprudence du Tribunal fédéral sur les notions de personne appartenant à l'histoire contemporaine au sens absolu et relatif, ainsi que de personnalité "relativement connue", et application de ces notions en droit des archives (consid. 5.1 et 5.5). Absence d'une pesée globale des intérêts par l'instance précédente. L'étude critique de l'histoire doit être considérée comme un intérêt important à la consultation, qui se trouve encore renforcé par l'invocation légitime de la liberté de la science (consid. 6.5.2). Les intérêts privés au maintien du secret doivent en revanche être évalués de manière différenciée: une personnalité "relativement connue", qui a en outre déjà porté à la connaissance du public de nombreuses informations contenues dans le dossier d'archive, doit se voir reconnaître un droit plus restreint au respect de sa sphère privée (consid. 6.5.3). Le problème de l'atteinte aux droits de la personnalité se pose avant tout en cas de publication: le principe de la proportionnalité impose, le cas échéant, d'assortir la consultation de conditions concernant la publication (consid. 6.5.5). Regesto Art. 13 cpv. 1 LAr; art. 18 cpv. 3 e 4 OLAr; consultazione degli archivi prima della scadenza del termine di protezione a scopi di ricerca; personaggi della storia contemporanea; ponderazione degli interessi. Giurisprudenza del Tribunale federale sulle nozioni di personaggi della storia contemporanea in senso assoluto e relativo, nonché di personalità "relativamente conosciute", e la loro applicazione nel diritto sull'archiviazione (consid. 5.1 e 5.5). Assenza di una ponderazione globale degli interessi da parte dell'istanza precedente. La rielaborazione della storia dev'essere considerata come un interesse importante alla consultazione; ciò è ulteriormente rafforzato dalla legittima invocazione della libertà della scienza (consid. 6.5.2). I contrapposti interessi privati alla segretezza devono essere chiariti in maniera differenziata: una personalità "relativamente conosciuta", che per di più ha già reso pubbliche molte delle informazioni contenute negli incartamenti d'archivio, ha un diritto meno esteso al rispetto della sua sfera privata (consid. 6.5.3). Il problema della lesione della personalità si realizza principalmente in caso di pubblicazione: il principio di proporzionalità esige semmai una consultazione con condizioni relative alla pubblicazione (consid. 6.5.5).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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