Dominikanische Mutter eines EU-Kindes verliert Aufenthaltsbewilligung: Kein Anspruch aus FZA oder EMRK wegen fehlender Mittel und Besuchsrecht (Art. 24 ALCP, Art. 8 EMRK)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 142 II 35 · ATF 142 II 35 · DTF 142 II 35
- Datum
- 26.11.2015
- Geschäftsnummer
- BGE 142 II 35
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 3 ALCP Art. 16 ALCP Art. 24 ALCP Art. 121a BV Art. 8 EMRK Art. 26 VRK Art. 27 VRK
Zusammenfassung
Eine dominikanische Staatsangehörige, Mutter eines anerkannten Sohnes eines in der Schweiz niedergelassenen deutschen Arbeitnehmers, wehrte sich gegen die Nichtverlängerung ihrer Aufenthaltsbewilligung. Die Vorinstanz hatte die Verlängerung gestützt auf langjährigen Sozialhilfebezug widerrufen. Die Beschwerdeführerin machte geltend, sie habe inzwischen eine Anstellung gefunden und sei nicht mehr auf Sozialhilfe angewiesen. Zudem berief sie sich auf das Freizügigkeitsabkommen (FZA) und die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK), um ihren Aufenthalt zum Zweck der Betreuung ihres Sohnes und zur Wahrung des Kontakts zum Vater zu sichern.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab. Es stellte fest, dass Art. 121a BV (Masseneinwanderungsinitiative) im konkreten Fall nicht direkt anwendbar ist, da er erst durch Verhandlungen und Gesetzgebung umgesetzt werden muss. Gemäss Art. 27 VRK geht das Freizügigkeitsabkommen (FZA) widersprechendem Landesrecht vor; die sogenannte Schubert-Praxis findet im Freizügigkeitsrecht keine Anwendung. Ein Konflikt zwischen Art. 121a BV und dem FZA besteht hier nicht, da die Verfassungsnorm keine triftigen Gründe für eine Abweichung von der EuGH-Rechtsprechung liefert.
Bezüglich des Anspruchs aus Art. 3 Abs. 6 Anhang I FZA (Bildungsaufenthalt) urteilte das Gericht, dass dieser nicht greift. Der Sohn verfügt zwar über ein freizügigkeitsrechtliches Aufenthaltsrecht, dieses wäre aber auch beim Vater gesichert. Die Mutter ist nicht verheiratet und fällt daher nicht unter den Begriff der "Ehegattin" gemäss Art. 3 Abs. 2 Anhang I FZA. Da sie keine eigenen Existenzmittel besitzt und der Vater seinen Unterhaltspflichten nur unvollständig nachkommt, sind die Voraussetzungen für einen abgeleiteten Aufenthaltsanspruch nach Art. 24 Abs. 1 Anhang I FZA (Richtlinie 90/364/EWG) nicht erfüllt. Das Urteil Zhu und Chen bestätigt zwar, dass Mittel von Dritten stammen können, doch fehlt hier die Nachhaltigkeit der Finanzierung durch den Vater. Die Behauptung der Beschwerdeführerin, sie habe seit September 2014 eine Anstellung, wurde als unzulässiges echtes Novum nicht berücksichtigt.
Schliesslich prüfte das Gericht Art. 8 EMRK. Ein Anspruch auf Aufenthalt zur Erleichterung des Besuchsrechts des nicht sorgeberechtigten Vaters besteht nur mit grosser Zurückhaltung. Da der Vater keine Unterhaltsbeiträge leistet, fehlt es an einer engen wirtschaftlichen Beziehung zum Kind. Die affektive Beziehung allein rechtfertigt keinen Aufenthaltstitel für die Mutter, wenn der Vater selbst in der Schweiz lebt und das Kind dort bleiben könnte. Die Beschwerde ist somit unbegründet.
Regeste
Art. 24 Anhang I FZA; Art. 16 Abs. 2 FZA; Art. 26 und 27 VRK; Art. 121a BV; Art. 8 EMRK; Verhältnis von Art. 121a BV zum Freizügigkeitsabkommen und seiner bisherigen Auslegung. Auslegungsgrundsätze völkerrechtlicher Verträge; völkergewohnheitsrechtlicher Grundsatz pacta sunt servanda (E. 3.2). Fehlende direkte Anwendbarkeit von Art. 121a BV und Bestätigung der Rechtsprechung, wonach die sog. Schubert-Praxis im Freizügigkeitsrecht zwischen der Schweiz und der EU keine Anwendung findet (E. 3.2 und 3.3). Verhältnis von Art. 121a BV zur ständigen Auslegungspraxis des FZA (E. 3.3). Keine Anwendung von Art. 3 Abs. 6 Anhang I FZA unter den Umständen des Falles (E. 4); Bestätigung der Rechtsprechung i.S. Zhu und Chen zu Art. 24 Anhang I FZA (E. 5). Voraussetzungen unter dem Gesichtswinkel von Art. 8 EMRK bei Ersuchen des sorge- oder obhutsberechtigten Elternteils um Bewilligung (einzig) zwecks Erleichterung der Ausübung des Besuchsrechts zwischen dem Kind und dem anderen Elternteil (E. 6). Regeste Art. 24 Annexe I ALCP; art. 16 al. 2 ALCP; art. 26 et 27 de la Convention de Vienne sur le droit des traités; art. 121a Cst.; art. 8 CEDH; rapport entre l'art. 121a Cst. et l'Accord sur la libre circulation ainsi que l'interprétation qui en a été faite jusqu'ici. Principes d'interprétation des traités internationaux; principe de droit coutumier international pacta sunt servanda (consid. 3.2). L'art. 121a Cst. n'est pas directement applicable; confirmation de la jurisprudence selon laquelle la pratique Schubert ne s'applique pas au droit de la libre circulation entre la Suisse et l'UE (consid. 3.2 et 3.3). Rapport entre l'art. 121a Cst. et l'interprétation constante de l'ALCP (consid. 3.3). L'art. 3 al. 6 Annexe I ALCP ne s'applique pas dans les circonstances du cas d'espèce (consid. 4); confirmation de la jurisprudence Zhu et Chen en relation avec l'art. 24 Annexe I ALCP (consid. 5). Examen, au regard de l'art. 8 CEDH, des conditions d'octroi d'une autorisation lorsque le parent détenteur du droit de garde ou de l'autorité parentale la sollicite (uniquement) afin de faciliter l'exercice du droit de visite entre l'enfant et l'autre parent (consid. 6). Regesto Art. 24 Allegato I ALC; art. 16 cpv. 2 ALC; art. 26 e 27 della Convenzione di Vienna sul diritto dei trattati; art. 121a Cost.; art. 8 CEDU; rapporto tra l'art. 121a Cost. e l'Accordo sulla libera circolazione e l'interpretazione fattane finora. Principi d'interpretazione dei trattati internazionali; principio di diritto consuetudinario internazionale pacta sunt servanda (consid. 3.2). L'art. 121a Cost. non è direttamente applicabile; conferma della giurisprudenza secondo cui la cosiddetta prassi Schubert non si applica nel diritto della libera circolazione tra la Svizzera e l'UE (consid. 3.2 e 3.3). Rapporto tra l'art. 121a Cost. e l'interpretazione costante dell'ALC (consid. 3.3). L'art. 3 cpv. 6 Allegato I ALC non si applica nelle circostanze del caso di specie (consid. 4); conferma della giurisprudenza Zhu e Chen in relazione con l'art. 24 Allegato I ALC (consid. 5). Esame, dal profilo dell'art. 8 CEDU, delle condizioni di rilascio di un'autorizzazione quando il genitore che possiede il diritto di custodia o l'autorità parentale ne fa richiesta (unicamente) al fine di facilitare l'esercizio del diritto di visita tra il bambino e l'altro genitore (consid. 6).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.