Kunstmuseum-Sanierung als Teil eines Erweiterungsprojekts: Qualifikation als gebundene Ausgabe verletzt Finanzreferendum (Art. 23 KV/TG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 141 I 130 · ATF 141 I 130 · DTF 141 I 130
- Datum
- 15.04.2015
- Geschäftsnummer
- 1C_887/2013
- Abteilung
- I. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 82 BGG Art. 86 BGG Art. 88 BGG Art. 89 BGG Art. 23 KV/TG Art. 9 KulturG Art. 305 OR Art. 307 OR
Zusammenfassung
Beschwerdeführer fochten einen Beschluss des Grossen Rats des Kantons Thurgau an, mit dem ein Objektkredit von 4.6 Mio. Franken für die Sanierung des Kunstmuseums in der Kartause Ittingen als gebundene Ausgabe qualifiziert wurde. Sie rügten eine Verletzung ihrer politischen Rechte durch die Umgehung des obligatorischen Finanzreferendums. Zudem beantragten sie die Feststellung, dass Mittel aus dem Lotteriefonds für einen geplanten Erweiterungsbau nicht verwendet werden dürften.
Das Bundesgericht hiess die Stimmrechtsbeschwerde teilweise gut und hob die Qualifikation des Kredits als gebundene Ausgabe auf. Es stellte fest, dass die Sanierung der bestehenden Ausstellungsräume untrennbar mit dem geplanten Erweiterungsbau verknüpft war und somit Teil eines Gesamtprojekts zur Neuausrichtung des Museums darstellte. Da der Grosse Rat über Standort, Konzept und Finanzierung erheblichen Entscheidungsspielraum besass, handelte es sich um eine neue Ausgabe, die dem Volksabstimmungsvorbehalt unterlag. Die Vorinstanz hatte ihr Ermessen überschritten.
Auf den Antrag betreffend die Verwendung von Lotteriefondsgeldern trat das Gericht nicht ein. Der zuständige Beschluss des Regierungsrats lag noch nicht vor, sodass es an einem Anfechtungsobjekt fehlte. Auch bestand kein aktuelles Feststellungsinteresse, da die Frage der Lotteriefondsverwendung eine Angelegenheit des öffentlichen Rechts sei, die grundsätzlich selbstständig angefochten werden könne.
Die Kosten des Verfahrens wurden erlassen und dem Kanton Thurgau eine Parteientschädigung auferlegt.
Regeste
Stimmrechtsbeschwerde, kantonales Finanzreferendum, Unterscheidung von neuen und gebundenen Ausgaben. Begriff der gebundenen Ausgabe nach dem Recht des Kantons Thurgau beim staatlich finanzierten Umbau von Gebäuden (E. 3 und 4). Anwendung dieses Begriffs auf den geplanten Umbau (Sanierung und Erweiterung) des in der Kartause Ittingen errichteten Kunstmuseums. Angesichts des den kantonalen Behörden verbleibenden Entscheidungsspielraums für das zu finanzierende Projekt handelt es sich nicht um eine gebundene Ausgabe, die dem Finanzreferendum entzogen wäre (E. 5 und 6). Regeste Recours pour violation du droit de vote, référendum financier cantonal, distinction entre dépenses liées et nouvelles. Notion de dépense liée selon le droit du canton de Thurgovie en cas de transformation de bâtiments financée par l'Etat (consid. 3 et 4). Application de cette notion à la transformation projetée (assainissement et extension) du musée d'art implanté dans la chartreuse d'Ittingen. Vu la marge d'appréciation laissée aux autorités cantonales concernant le projet à financer, il ne s'agit pas d'une dépense liée qui serait soustraite au référendum financier (consid. 5 et 6). Regesto Ricorso per violazione del diritto di voto, referendum finanziario cantonale, distinzione tra spese nuove e spese vincolate. Nozione di spesa vincolata secondo il diritto del Cantone di Turgovia nel caso di trasformazioni di edifici finanziate dallo Stato (consid. 3 e 4). Applicazione di questa nozione alla progettata trasformazione (risanamento e ampliamento) del museo d'arte ubicato nella certosa di Ittingen. In considerazione del margine decisionale lasciato alle autorità cantonali riguardo al progetto da finanziare, non si tratta di una spesa vincolata che sarebbe sottratta al referendum finanziario (consid. 5 e 6).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.