Jüdischer Flüchtling klagt auf Genugtuung für Rückweisung 1943: Anspruch verwirkt, keine Beihilfe zum Völkermord (Art. 20 Abs. 1 VG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 126 II 145 · ATF 126 II 145 · DTF 126 II 145
- Datum
- 21.01.2000
- Geschäftsnummer
- BGE 126 II 145
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Ein jüdischer Flüchtling polnischer Staatsbürgerschaft, der im November 1943 an der Schweizer Grenze zurückgewiesen und deutschen Behörden übergeben wurde, klagte gegen die Schweizerische Eidgenossenschaft auf Ausrichtung einer Genugtuung von 100'000 Franken. Er machte geltend, das Verhalten der schweizerischen Grenzorgane und des Bundesrats habe eine Beihilfe zum Völkermord sowie einen Verstoss gegen das Rückschiebeverbot dargestellt. Die Beklagte beantragte die Abweisung der Klage mit der Begründung, der Anspruch sei verwirkt und das damalige Verhalten weder völker- noch nationalrechtswidrig gewesen. Der Kläger stützte seine Forderung auf das Verantwortlichkeitsgesetz und argumentierte, bei Kriegsverbrechen gelte keine Verjährung.
Das Bundesgericht wies die verwaltungsrechtliche Klage ab, da der Genugtuungsanspruch gemäss Art. 20 Abs. 1 VG absolut verwirkt war. Das schädigende Ereignis lag rund 40 Jahre zurück, und die absolute Verwirkungsfrist von zehn Jahren begann unabhängig von der Kenntnis des Schadens oder der Identität des Schädigers zu laufen. Eine Ausnahme von der Verwirkung aufgrund von Treu und Glauben kam nicht in Betracht, da der Kläger spätestens seit Inkrafttreten des Verantwortlichkeitsgesetzes am 1. Januar 1959 hätte klagen können; die schweizerische Flüchtlingspolitik war bereits damals Gegenstand öffentlicher Diskussionen und Berichte.
Das Gericht verneinte zudem die Anwendbarkeit der strafrechtlichen Unverjährbarkeit nach Art. 75bis StGB auf den öffentlich-rechtlichen Kausalhaftungsanspruch nach Art. 3 und Art. 6 VG. Das Verantwortlichkeitsgesetz regelt die Verwirkung abschliessend, sodass Art. 60 Abs. 2 OR nicht ergänzend herangezogen werden kann. Selbst wenn man dies bejahen würde, wäre der Strafanspruch beim Inkrafttreten von Art. 75bis StGB im Jahr 1983 bereits verjährt gewesen.
Schliesslich stellte das Gericht fest, dass die damalige Flüchtlingspolitik nach dem zur Tatzeit geltenden Recht nicht völkerrechtswidrig war, da das Prinzip des Non-Refoulement erst später als subjektives Recht anerkannt wurde. Eine qualifizierte Rechtswidrigkeit in Form einer Beihilfe zum Völkermord wurde nicht dargetan, da der erforderliche subjektive Tatbestand fehlte und die Schweiz ihre territoriale Souveränität wahrnahm. Trotz des vollständigen Unterliegens sprach das Gericht dem Kläger aussergewöhnlicherweise eine Parteientschädigung von 100'000 Franken zu, da er sich angesichts der komplexen historischen und rechtlichen Fragen sowie seiner Wohnsituation in Australien in guten Treuen zur Prozessführung veranlasst sehen durfte.
Regeste
Art. 116 lit. c und Art. 159 OG; Art. 1 Abs. 1 lit. a und b, Art. 3 Abs. 1, Art. 6 Abs. 2, Art. 10, Art. 20 Abs. 1 VG; Art. 60 Abs. 2 OR; Art. 75bis StGB; Staatshaftungsanspruch eines während des Zweiten Weltkriegs zurückgewiesenen und den deutschen Behörden übergebenen jüdischen Flüchtlings. Haftungsansprüche gegen Mitglieder des Bundesrats und des Parlaments sind im Verfahren der verwaltungsrechtlichen Klage zu beurteilen, auch wenn die angeblich widerrechtliche Handlung von Grenzwächtern begangen wurde; eine Aufspaltung des Rechtsmittelwegs rechtfertigt sich nicht (E. 1). Haftungsansprüche gegen die Eidgenossenschaft aus Handlungen der Grenzorgane während des Zweiten Weltkriegs sind nach Art. 20 Abs. 1 VG absolut verwirkt, soweit die Berücksichtigung der entsprechenden Frist von zehn Jahren nicht gegen Treu und Glauben verstösst (E. 2 u. 3). Der Grundsatz, wonach eine längere strafrechtliche Verjährungsfrist auch für den haftungsrechtlichen Anspruch massgeblich ist, gilt nicht für den Haftungsanspruch nach Art. 3 und Art. 6 VG (E. 4b). Die Flüchtlings- und Asylpolitik der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs war nach dem damals geltenden Recht nicht völkerrechtswidrig. Ein allfälliger Verstoss gegen nationales Recht (Verhältnismässigkeitsgrundsatz) rechtfertigt es nicht, von der Verwirkung abzusehen. Nur bei einer eigentlichen Teilnahme an einem Genozid könnte sich die entsprechende Frage stellen; eine solche Teilnahme ist nicht dargetan (E. 4c u. 4d). Die ausserordentlichen Umstände des Falles rechtfertigen es, dem Kläger trotz seines Unterliegens eine Parteientschädigung zuzusprechen (E. 5). Regeste Art. 116 let. c et art. 159 OJ; art. 1 al. 1 let. a et b, art. 3 al. 1, art. 6 al. 2, art. 10, art. 20 al. 1 LRCF; art. 60 al. 2 CO; art. 75bis CP; action en responsabilité contre l'Etat d'un fugitif juif qui, durant la seconde guerre mondiale, a été refoulé et remis aux autorités allemandes. Des prétentions en responsabilité à l'encontre de membres du Conseil fédéral et du Parlement doivent être jugées dans le cadre d'une action de droit administratif, même si le prétendu acte illicite a été commis par un garde frontière; une scission de la voie de droit ne se justifie pas (consid. 1). Des prétentions en responsabilité contre la Confédération pour des actes d'agents de douane durant la deuxième guerre mondiale sont absolument périmées en vertu de l'art. 20 al. 1 LRCF, pour autant que la prise en compte du délai de dix ans qui y est prévu ne soit pas contraire au principe de la bonne foi (consid. 2 et 3). Le principe, selon lequel un délai de prescription de plus longue durée prévu par le droit pénal s'applique également à une prétention en responsabilité, n'est pas applicable à la prétention fondée sur les art. 3 et 6 LRCF (consid. 4b). La politique suisse en matière d'asile et de réfugiés durant la seconde guerre mondiale n'était pas, selon le droit en vigueur à l'époque, contraire au droit des gens. Une éventuelle violation du droit national (principe de la proportionnalité) ne justifie pas de faire abstraction de la péremption. La question ne se poserait qu'en cas de véritable participation à un génocide; une telle participation n'est pas démontrée (consid. 4c et 4d). Les circonstances exceptionnelles du cas d'espèce justifient d'allouer des dépens au plaignant, même s'il succombe (consid. 5). Regesto Art. 116 lett. c e art. 159 OG; art. 1 cpv. 1 lett. a e b, art. 3 cpv. 1, art. 6 cpv. 2, art. 10, art. 20 cpv. 1 LResp; art. 60 cpv. 2 CO; art. 75bis CP; azione di responsabilità nei confronti dello Stato promossa da un fuggitivo ebreo il quale, durante la seconda guerra mondiale, è stato respinto e consegnato alle autorità germaniche. Le pretese di risarcimento danni contro membri del Consiglio federale o del Parlamento devono essere giudicate nell'ambito di un'azione di diritto amministrativo, anche se l'asserito atto illecito è stato perpetrato da una guardia frontiera; una scissione della via di diritto non si giustifica (consid. 1). Le pretese di risarcimento danni contro la Confederazione per atti di agenti doganali durante la seconda guerra mondiale sono perente in modo assoluto in virtù dell'art. 20 cpv. 1 LResp., per quanto la presa in considerazione del termine di dieci anni ivi previsto non sia contraria al principio della buona fede (consid. 2 e 3). Il principio secondo cui un termine di prescrizione più lungo previsto dal diritto penale si applica ugualmente ad una pretesa di risarcimento danni non ha alcuna validità nel caso di una pretesa fondata sugli art. 3 e 6 LResp (consid. 4b). La politica svizzera in materia d'asilo e di rifugiati durante la seconda guerra mondiale non era, in base al diritto in vigore all'epoca, contraria al diritto delle genti. Un'eventuale violazione del diritto nazionale (principio della proporzionalità) non giustifica di fare astrazione dalla perenzione. La questione si porrebbe in caso di vera partecipazione ad un genocidio; una simile partecipazione non è dimostrata (consid. 4c e 4d). Le circostanze eccezionali del caso giustificano di concedere ripetibili all'attore, anche se è soccombente (consid. 5).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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